SN-Home - 7/23

Neu kaufen, aus zweiter Hand, leihen oder doch reparieren?

Ich brauche etwas, also kaufe ich es neu – dieser Zusammenhang ist nicht mehr zwingend. Reparieren lassen, Leihen und gebraucht Kaufen sind im Kommen. Das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit beeinflusst das Konsumverhalten und fordert den Handel heraus, sagt eine HDE-Studie.

Die Ausgangslage: 58 % der Konsumentinnen und Konsumenten haben inzwischen ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickelt. 39 % stimmen schon der Aussage zu „Ich kaufe gezielt nachhaltig ein.“ Beide Werte haben der Handelsverband Deutschland (HDE) und das IFH Köln für ihren aktuellen Konsummonitor Nachhaltigkeit ermittelt. Auf Grundlage dieser Zahlen geht die Studie der Frage nach, in wie weit sich mit dem Bewusst­sein auch das Kaufverhalten wandelt.

Fairer Umgang mit dem Personal besonders wichtig

Dazu wurden auch Kriterien abgefragt, nach denen Menschen ihre Einkaufsstätten und die Handels­unternehmen selbst als nachhaltig beurteilen und wahrnehmen. Überraschenderweise steht hier die faire Behandlung des Personals im Vordergrund. Dahinter folgen Aufrichtigkeit und gesellschaft­liche Verantwortung, das Vorhandensein sozialer und ökologischer Werte, Fairness im Wettbewerb und das Engagement für die Umwelt. Letzteres ist für die Nachhaltigkeits­bewussten zwar wichtiger als für die Gesamtheit der Befragten. Aber auch sie messen dem fairen Umgang mit den Mitarbeitenden die höchste Bedeutung zu.

Wer in seinem Unternehmen Solarpaneele auf’s Dach bringt und sich mit einem niedrigen CO2-Fußabdruck als nachhaltig präsentiert, liegt also bestimmt nicht falsch. Aber wichtiger sind der Kundschaft tatsächlich soziale Aspekte.

Reparieren statt wegschmeißen

Eine noch wichtigere Erkenntnis für den Handel: Je nach Produkt, ist der Neukauf inzwischen nur noch eine Option von vielen. Fahrräder und Autos etwa kann man zumindest in Großstädten schon stunden-, tage- oder monatsweise mieten. Oder warum kaputte Dinge nicht vom Profi reparieren lassen statt sie wegzuwerfen und neu zu kaufen? Die Ausgaben für Reparatur­leistungen von Nonfood-Produkten ist zwischen 2019 und 2022 von 3,3 auf 3,7 Mrd. EUR (Hochrechnung) gestiegen, sagt der Konsummonitor. Nach den jeweiligen Spezialisten aus dem Handwerk werde dem Fachhandel hier eine hohe Kompetenz zugeschrieben.

Bei technischen Geräten wie Smartphones ist der Kauf generalüberholter (refurbished) Secondhand-Ware ein aufstrebendes Segment. Flohmarkt, Kleinanzeigen, Ebay – die Klassiker werden für alle Arten gebrauchter Produkte weiterhin genutzt.

Secondhand-Markt wächst

Generell erlebt Secondhand einen Boom. Das Marktvolumen liege bei knapp 15 Mrd. EUR, heißt es in der Studie. Das seien zwar lediglich 2 % des Umsatzes im Einzelhandel, aber das Wachstum sei bei Secondhand deutlich stärker. Forciert wird die Entwicklung durch immer neue digitale Angebote – knapp 58 % des Umsatzes wurden 2022 online gemacht. Amazon oder Zalando – auf vielen großen Plattformen werden neben neuen auch gebrauchte Produkte gehandelt. Auf Gebrauchtes spezialisiert Händler wie Momox kaufen und verkaufen über das Internet. Statt sich am Wochen­ende auf den Flohmarkt zu stellen, kann man heute praktisch alles vom heimischen Sofa aus anbieten, teilweise direkt verkaufen. Der geringe Aufwand erhöht auch die Bereitschaft, Dinge nicht mehr einfach wegzuwerfen, sondern ihnen ein zweites oder drittes Leben zu schenken. Auch weil sich dadurch vergleichsweise einfach noch etwas Geld machen lässt.

Umgekehrt haben Kaufinteressenten Zugriff auf ein riesiges Angebot, sind bei ihren Onlinekäufen teilweise sogar gegen Betrug finanziell abgesichert. 82 % der für die Studie Befragten gaben an, mit ihren gebraucht gekauften Artikeln (sehr) zufrieden zu sein. Für die Mehrheit war der im Vergleich zur Neuware günstigere Preis die entscheidende Motivation für den Secondhand-Kauf. Aber 43 % gaben auch an, Auswirkungen auf die Umwelt/Nachhaltigkeit hätten eine Rolle gespielt. 58 % können den Satz unterschreiben: „Wenn ich Secondhand kaufe, fühle ich mich besser als wenn ich etwas Neues kaufe.“

Handel darf den Anschluss nicht verlieren

„Als Anbieter von Produkten an Endverbraucher kommt dem Einzelhandel eine besondere Rolle für den nachhaltigen Konsum zu“, schreibt HDE-­Hauptgeschäftsführer Stefan Genth im Vorwort der Studie. „Durch seine Sortimentsgestaltung und Transparenz über die Lieferkette stellt sich der Einzel­handel den Kundenwünschen nach ökologischem und verantwortlichem Konsum.“ So weit, so richtig.

Aber schon der Untertitel des Konsummonitors zeigt, dass und in welche Richtung das Konsum­verhalten sich derzeit verändert: „Reduce, Reuse, Recycle, Repair“ (Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln, Reparieren). Der Handel wird sich teils neu positionieren müssen, um mit veränderten oder erweiterten An­geboten im Geschäft zu bleiben. Etwa mit ergänzenden handwerklichen Reparaturdienstleistungen, der Vermietung von Einrichtungsgegenständen oder einem Rücknahmeangebot mit Recyclinggarantie. Gerade was das Vermieten angeht, sind schon jetzt viele Startups dabei, dem klassischen Handel erfolgreich Konkurrenz zu machen. Zielgruppe ist primär die junge, noch wenig finanzstarke, aber gleichzeitig vielfach nachhaltig orientierte Generation. Wenn hier nicht richtig gehandelt wird, drohen dem klassischen Handel die Kunden von morgen schon jetzt verloren zu gehen.

Thomas Pfnorr


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Neu kaufen, aus zweiter Hand, leihen oder doch reparieren?
Foto/Grafik: Shutterstock
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Foto/Grafik: SN-Verlag; Quelle: Konsummonitor Nachhaltigkeit 2023
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Foto/Grafik: SN-Verlag; Quelle: Konsummonitor Nachhaltigkeit 2023
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Foto/Grafik: SN-Verlag; Quelle: Konsummonitor Nachhaltigkeit 2023
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