Gerflor Mipolam GmbH
Gerflor setzt stark auf lose liegende Beläge
Lose liegende Bodenbeläge, frische Designs für den privaten Wohnungsbau, eine Wandverkleidung für’s Bad - über Neuheiten und die Nachhaltigkeitsstrategie bei Gerflor sprechen wir mit D/A/CH-Geschäftsführer Michael Stein und Marketingleiter Frank Selbeck.BTH Heimtex: Gerflor forciert das Thema lose liegende Beläge. Aus welchem Grund?
Michael Stein: Das hat ganz unterschiedliche Gründe: Zum einen verfolgen wir bei Gerflor eine Nachhaltigkeitsstrategie mit dem Versprechen "We care, we act". Danach wollen wir im Jahr 2025 unter anderem einen Anteil von 35 % bei klebstofffreien Belägen im Portfolio erreichen. Wir sind auf einem sehr guten Weg dorthin.
Zum anderen folgen wir dem Wunsch von Architekten, die beim Einbau bereits an die Rückbaubarkeit denken. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Bodenbelag, der nicht verklebt wurde, sich leichter austauschen und rückbauen lässt - und das wollen tatsächlich immer mehr Bauherren. Außerdem bieten Looselay-Beläge den unschlagbaren Vorteil, dass man sie auf Altbelägen verwenden kann.
BTH Heimtex: Außerdem lassen sie sich schnell verlegen.
Frank Selbeck: Ja, auch während des laufenden Betriebs, ohne dass das gesamte Objekt schließen muss. Besonders wichtig ist das in Supermärkten, Produktionsunternehmen oder Krankenhäusern. Mit unserer GTI-Fliese mit Schwalbenschwanzprofil lässt sich ein Supermarkt übers Wochenende fertigstellen.
Das GTI-Original gibt es bereits seit 35 Jahren; es verträgt sogar einen Schwerlastbetrieb mit Gabelstaplern. Mittlerweile haben wir noch zwei weitere Schwalbenschwanz-"Schwestern" im Programm: Attraction und Creation 70 Connect, die ebenfalls auf die schnelle Verlegung mit dem Gummihammer setzen. Der Belag weist einen eindrucksvollen Recyclinganteil von 80 % auf.
BTH Heimtex: Neben den Schwalbenschwanzbelägen bieten Sie auch Looselay-LVT.
Selbeck: Und Klickbeläge natürlich, die ebenfalls zu den Looselay-Belägen gehören. Unser Ziel ist es, immer System-Kollektionen mit breiten Verlegemöglichkeiten anzubieten. Außerdem haben wir selbstliegende Rollenware: Ein aktuelles Beispiel ist der heterogene Kompakt-Vinylbelag Taralay Impression Hop, den Gerflor in einer Vielzahl ästhetischer Designs anbietet. Dabei sorgt eine doppelte Armierung aus Glasvlies und Glasfasergitter für eine ausgezeichnete Haltbarkeit. Zudem verstärkt die Beschwerungsschicht aus Recyclingmaterial in Verbindung mit einer technischen Unterschicht die Bodenhaftung - so ist der Belag komplett selbstliegend und dimensionsstabil.
BTH Heimtex: Wo kommt Taralay Impression Hop in erster Linie zum Einsatz?
Selbeck: Ein Parade-Segment ist das Gesundheitswesen. Bei Renovierungen lässt sich die Ausbauzeit um 50 % reduzieren. Nicht zuletzt verfügt der Belag über eine ausgezeichnete dynamische Belastbarkeit und eine im Vergleich sehr gute Beständigkeit gegenüber schweren rollenden Lasten wie Krankenhausbetten.
BTH Heimtex: Eine weitere Neuheit von Gerflor ist Virtuo für den privaten Wohnbau. Was zeichnet die Kollektion aus?
Selbeck: Der neue LVT-Designbelag Virtuo ist in zwei verschiedenen Nutzschichten erhältlich: 0,3 und 0,55 mm. Einerseits lässt er sich klassisch fest vekleben, als Planke oder Fliese. Andererseits gibt es Virtuo als Rigidbelag mit stabilem Lock-Verriegelungssystem und integriertem Akustikrücken. Die Rigid-Variante kommt aus Belgien; besonders strapazierfähig ist sie durch die Rigid-Core-Board-Technologie (RCB). Hier werden die Belagsschichten extrudiert und mit dem Dekorfilm verschmolzen. Die 37 Dekore wurden auf Basis aktueller Einrichtungstrends entwickelt, darunter findet man puristische Stein- und Holzdekore im Japandi-Stil, kontrastreiche Stein-Oberflächen und als Besonderheit aquarellige Farbschattierungen. Fischgrät-Varianten sind natürlich auch dabei.
BTH Heimtex: Fischgrät ist sehr beliebt, ebenso die Verlegung elastischer Beläge im Badezimmer. Gibt es dort etwas Neues?
Selbeck: Ja, Gerflor hat mit Mural Revela eine spannende Lösung für die Wand herausgebracht: eine neue Generation langlebiger und wasserdichter Wandverkleidungen, die sich wunderbar für den Renovierungsbereich eignet. Trotz des robusten Produktaufbaus ist sie sehr leicht und lässt sich mühelos schneiden und verarbeiten. Verlegt wird sie ganz einfach per Nut-und-Federsystem.
BTH Heimtex: 2023 war ein herausforderndes Jahr für die Bodenbelagsbranche. Wie hat sich das auf Gerflor ausgewirkt?
Stein: Natürlich hatten auch wir rückläufige Umsätze und Absätze. Aber wir haben uns momentan auf einem gewissen Niveau etabliert, sodass wir insgesamt leicht unter dem Vorjahr herauskommen.
In der Corona-Zeit hat der Handel seine Läger gefüllt - und genau dann kam die Krise. Das ergab einen Dreifach-Effekt: erstens sinkende Absätze, zweitens eine stärkere Wettbewerbssituation - und drittens gehen auch die Preise runter. Wir reden aktuell im Wohnungsbau über Auftragsstornierungen von annähernd 30 %. So eine Situation gab es noch nie.
BTH Heimtex: Wie ist der Blick ins Jahr 2024? Im September gab es den Berliner Baugipfel mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket
Stein: Ich sehe da zunächst keinen direkten Impuls für die Bauwirtschaft. Es braucht von politischer Seite eine klare Ansage, welche Dinge wann kommen und welche nicht. Die momentane Sprunghaftigkeit verunsichert die Branche; die ständigen schlechten Nachrichten verursachen eine negative Grundstimmung. Ich glaube allerdings auch nicht, dass sinkende Zinsen das Bild ändern würden. Die Baukosten sind ja überall stark gestiegen, teilweise um 20 %. In diesem Kontext waren die 5 bis 6 % Rendite mit den alten Kalkulationen natürlich irgendwann nicht mehr zu erzielen.
BTH Heimtex. Wie schätzen Sie den Wettbewerb aus Asien ein?
Stein: Dass asiatische Anbieter mit anderen Preisen agieren können, ist nicht neu und mag zurzeit von Vorteil sein. Aber wir haben gute, breite Produktranges. Und: Wir bieten einen zuverlässigen Service, der auch nach Verkauf und Verlegung noch da ist und der den Verarbeitern zugute kommt. Schließlich haben die eine Gewährleistungspflicht von fünf Jahren. Wir haben kompetente Anwendungstechniker und stehen unseren Kunden zur Seite, auch wenns mal Schwierigkeiten auf der Baustelle gibt. Das kann jemand, der zu Billigstpreisen Ware anbietet, wohl nicht. Und je weiter ich das Produkt runterziehe, desto kleiner wird die Wertschöpfung.
Ein weiterer Punkt ist das Thema Nachhaltigkeit. Wie werden Bodenbeläge aus Asien denn recycelt, was passiert mit den Verschnittresten? Wir europäischen Anbieter können das organisieren, aus der Ferne geht das nicht.
BTH Heimtex: Der Recyclinganteil der Gerflor-Produkte wächst; im Programm Second Life recyceln Sie Verschnittreste. Was tun Sie darüber hinaus?
Stein: Wir nehmen auch Altbeläge zurück. Das ist ganz wichtig, weil dadurch große Mengen zusammenkommen. Außerdem sind wir dabei, Lösungen für eingebautes Material zu finden, an dem sich noch Klebstoff oder Zementanhaftungen befinden. In seiner Reinform lässt sich PVC nämlich sogar sehr gut recyceln.
BTH Heimtex: Sammeln Sie ausschließlich Altbeläge von Gerflor ein?
Stein: Nein. Früher hatten wir noch die Direktive, nur Gerflor-Böden zurückzunehmen, aber das haben wir jetzt geändert, damit wir schneller vorankommen. Unser Motto "We care, we act" wird für uns erst dann zu einem stimmigen System, wenn wir uns nicht nur um uns kümmern. Zum Teil lässt sich ja gar nicht mehr sagen, welcher Belag von welchem Anbieter stammte. Unser System funktioniert bei Gerflor in Frankreich schon hervorragend; in Deutschland und Österreich bauen wir es gerade auf und aus und erleichtern die Prozesse für die Bauherren maßgeblich.
BTH Heimtex: Die Altbeläge, die Sie zurückholen, sind vermutlich zum Teil 20 oder sogar 30 Jahre alt. Spielen da gesundheitsschädliche Weichmacher eine Rolle?
Stein: Kaum, denn die sind erstens eher in noch älteren Böden enthalten und zweitens vor allem in CV-Belägen. Diese "bösen Weichmacher" setzen namhafte Unternehmen wie wir, die wir in Europa produzieren, schon seit Jahrzehnten nicht mehr ein.
Zudem läuft die Maßnahme über die AgPR, also das von der PVC-Bodenbelagsindustrie implementierte eigenständige Unternehmen. Und die AgPR ist Teil verschiedener Prozessentwicklungen, die kritische Weichmacher abscheiden können, damit sich auch dieses Material weiterverwenden lässt.
BTH Heimtex: In welchem Umfang profitieren Bauherren von Ihrem Recycling-System?
Selbeck: Eigentlich ist es ja Aufgabe des Bauherrn, sich um die alten Beläge zu kümmern und die kostspielige Entsorgung zu zahlen. Unsere Vision besteht darin, mit ihm eine Vereinbarung einzugehen: dass wir unter bestimmten Bedingungen die Rückholung und das Recycling für ihn realisieren.
Stein: Es muss zu einer Win-win-Situation kommen. Inzwischen sind wir so weit, dass wir in die Nähe eines Nullsummenspiels kommen, wenn das Material nach Troisdorf zur AgPR geht. Das grüne Gewissen ist das eine, aber wenn der Bauherr durch das Recycling auch sparen kann, wird es für ihn interessant. Hinzu kommt, dass einige Unternehmen schon jetzt klare Vorgaben im Rahmen der Green Taxonomy haben. Wir können ihnen am Ende ein Zertifikat darüber ausstellen, was mit ihren Altbelägen passiert ist. Dadurch profitieren sie gleich mehrfach.
BTH Heimtex: Ein weiterer Punkt sind PVC-freie Designbeläge; hier ist Gerflor seit einem guten halben Jahr mit Evo am Markt. Wie sehen Sie die aktuelle und zukünftige Entwicklung dieser Produktgruppe?
Stein: Evo entwickelt sich Schritt für Schritt gut. Das Produkt bringen wir momentan vor allem in Wohnungsbauprojekte ein, haben damit erste größere Projekte gewonnen. Trotzdem sehe ich es nicht im großen Rahmen als PVC-Alternative, denn die Basis-Rohstoffe sind hier um ein Vielfaches kostspieliger.
Chancen in Sachen PVC-freie Beläge sehen wir beim Linoleum: ein tolles, nachhaltiges Material, das wir auf ein höheres Level heben wollen. Wir sprechen viel mit Architekten, alle lieben Linoleum, aber der Markt ist wegen der Optik leicht rückläufig - noch. Insofern ist es für uns ein wichtiges Arbeitsfeld: etwas zu entwickeln, das Linoleum in die Lage versetzt, im designbasierten Bereich eine Rolle zu spielen.
BTH Heimtex: Auf welcher Messe können die Leser von BTH Heimtex Gerflor Anfang 2024 treffen?
Selbeck: Gerflor startet das Jahr 2024 auf der Domotex in Hannover. Wir werden mit zwei Ständen vertreten sein: zum einen bei der Sonderschau "The Green Collection", zum anderen im Retailers’ Park in Halle 19. Dort präsentieren sich erstmals die Decor-Union und die Mega-Gruppe gemeinsam mit ihren Lieferanten auf einer zentralen Fläche.
Daten + Fakten Gerflor
Gerflor Mipolam GmbH
53840 Troisdorf
kundenservice@
gerflor.com
www.gerflor.de
Geschäftsführung: Bertrand Chammas
Konstantinos Marlis
Michael Stein
Geschäftsführer
Marketing und
Vertrieb D/A/CH:
Michael Stein
Marketingleiter
Deutschland:
Frank Selbeck
Mitarbeiter: 329, davon 75 im Außendienst D,
je 7 im
Außendienst A/CH
Muttergesellschaft: Gerflor S.A.
Umsatz 2019:
rund 1 Mrd. EUR
Mitarbeiter: 4.200
Produkte: Elastische Bodenbeläge, darunter Linoleum, Bahnenware und modular, LVT als Klick, Dryback und Looselay
aus
BTH Heimtex 12/23
(Wirtschaft)