Mehr als Windmühlen, Käse, Tulpen und Tomaten
Wer die Niederlande auf ihre reiche Geschichte, malerische Landschaften und pulsierende Städte reduziert, liegt falsch. Die Wirtschaft ist innovativ, die Kaufkraft vergleichsweise hoch, und das Königreich eine der wichtigsten Handelsnationen der Welt.Die Niederlande, ein Land mit einer reichen Geschichte, malerischen Landschaften und pulsierenden Städten, haben sich zu einer starken wirtschaftlichen Kraft in Europa und der Welt entwickelt. Herausragend aus ihrer sehr wechselvollen Historie war das Goldene Zeitalter, eine Epoche, die sich hauptsächlich im 17. Jahrhundert abspielte, als das Land zu einer der führenden Handelsmächte aufgestiegen war. Die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) und die 1621 gegründete Niederländische Westindien-Kompanie (WIC) dominierten den Seehandel mit Asien, Afrika und Amerika. Amsterdam entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelszentrum und einer Finanzmetropole - und die Niederlande wurden zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Handels. Der wirtschaftliche Aufschwung war begleitet von einer Blüte der Kunst und Kultur, wissenschaftlicher Fortschritte und global zunehmender politischer Bedeutung.
Das Goldene Zeitalter endete im späten 17. Jahrhundert unter anderem aufgrund von Kriegen mit europäischen Mächten, dem Verfall des VOC- und WIC-Handelsmonopols und inneren politischen Konflikten. Aber es hinterließ ein reiches Erbe und prägt bis heute die Geschichte und Kultur der Niederlande.
Eine bizarre Episode während des Goldenen Zeitalters war die Tulpenmanie, die als eine der berühmtesten Finanzblasen der Welt gilt. Sie erreichte ihren Höhepunkt zwischen 1636 und 1637 und wurde durch Spekulationen mit Tulpenzwiebeln ausgelöst, die aus der Türkei nach Westeuropa kamen und hier schnell zu einer begehrten Ware wurden. Die Preise hierfür erreichten astronomische Höhen und viele Menschen investierten ihr gesamtes Vermögen in Tulpenzwiebeln. Bis die Blase platzte und Panikverkäufe zu einem Zusammenbruch des Marktes führten. Tulpen haben bis heute eine wichtige kulturelle Bedeutung. Die Niederlande sind immer noch bekannt für ihre prächtigen Tulpenfelder und die berühmten Tulpenfestivals, die jedes Jahr Touristen aus der ganzen Welt anziehen.
Neustart nach den Weltkriegen
Während sich die Niederlande aus dem Ersten Weltkrieg heraushalten konnten, wurden sie vom Zweiten Weltkrieg trotz ihrer Neutralitätspolitik hart getroffen. Im Rahmen von Hitlers Blitzkrieg wurde das Land im Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht überrannt. Königin Wilhelmina und das Kabinett bauten in London eine Exilregierung auf. Die Bilanz des Krieges waren Zigtausend tote Niederländer und 120.000 in die Konzentrationslager deportierte Juden, von denen nur 6.000 nach Kriegsende zurückkehrten.
Weil das Prinzip der Neutralität im Zweiten Weltkrieg nicht funktioniert hatte, betrieben die Niederlande nach 1945 eine aktive Bündnispolitik. Sie initiierten die Benelux-Wirtschaftsunion, waren Gründungsmitglied der NATO sowie der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als der wichtigsten der drei Säulen der heutigen EU.
Weltweite Spitzenposition
Die Niederlande sind mit einem Anteil von fast 6 % am BIP die sechstgrößte Wirtschaftsmacht in der EU 27, weltweit der sechstgrößte Exporteur von Waren und eines der reichsten Länder der Welt. Das Land verfügt über eine sehr offene Wirtschaft und ist folglich für Schwankungen in der weltwirtschaftlichen Konjunktur anfällig. Es überrascht daher, dass das BIP-Wachstum 2022 angesichts der politischen Lage in Osteuropa und der damit verbundenen Entwicklungen auf dem Energiemarkt und der steigenden Inflation einen EU-Spitzenwert von 4,5 % erreichte.
Rückgrat der Wirtschaft ist der Dienstleistungssektor. Er macht 78 % der Bruttowertschöpfung aus und beschäftigt 82 % der Erwerbstätigen. Der Sektor konzentriert sich hauptsächlich auf Transport, Vertrieb, Logistik, Banken und Versicherungen, Wassertechnik und neue Technologien. Das Land ist auch Europas führender Dienstleister für Seefracht und verfügt mit Rotterdam über den größten Logistik-Hub in Europa. Ein hervorstechendes Merkmal der niederländischen Wirtschaft ist ihre enorme Innovationskraft. Der EU-Innovationsanzeiger stufte das Land 2022 als Innovationsführer ein. Der Global Innovation Index ernannte es 2022 zu einem Global Innovation Leader. Auf diesem Index rangieren die Niederlande weltweit auf Platz 5.
Die Innovationskraft ist auch Basis für eine starke Industrie, die 20 % zur Bruttowertschöpfung beiträgt. Sie ist fokussiert auf Bereiche wie Lebensmittelverarbeitung, Maschinenbau, Elektronik, Chemie und Hochtechnologie. Den kleinsten Anteil an der Bruttowertschöpfung hat mit knapp 2 % die Landwirtschaft, die aber vor allem für den Export eine wichtige Rolle spielt. Nach der offiziellen Statistik liegt die Anzahl der in diesem Sektor tätigen Unternehmen bei fast 78.000. Die Niederlande sind nach den USA der weltweit zweitgrößte Exporteur von Agrarprodukten. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Blumenzucht. Hier ist das Land weiterhin der größte Exporteur der Welt.
Deutschland wichtiger Handelspartner
Die Niederlande sind weltweit eine bedeutende Handelsnation. Importe und Exporte sind nach einem kleinen Rückgang im Corona-Jahr 2020 wieder in die Höhe geschnellt. Allerdings befindet sich unter den gehandelten Gütern viel Transitware. So gingen alleine 2020 nahezu 50 % aller Warenimporte als Reexporte direkt weiter in andere Länder.
Deutschland ist traditionell der größte Handelspartner der Niederlande, sowohl als Abnehmer- als auch als Lieferland. Bei den deutschen Einfuhren rangiert das Land unter 239 Handelspartnern an zweiter Stelle, bei den deutschen Ausfuhren auf Rang 4.
Magnet für ausländische Direktinvestitionen
Etwa 14.500 ausländische Firmen sind in den Niederlanden etabliert. Viele haben hier ihren europäischen Hauptsitz, Produktionsstätten oder R&D-Zentren. Das Land kennt grundsätzlich keine Einschränkungen für ausländische Direktinvestitionen, mit Ausnahme der Wasserversorgung, die vom Staat kontrolliert wird. Die Zahl der deutschen Unternehmen in den Niederlanden beläuft sich auf etwa 1.400. Zu den bekanntesten gehören Siemens, Deutsche Bank, BASF, Volkswagen, Bayer und Bosch.
Bei der Investitionsförderung sind ausländische Unternehmen den einheimischen gleichgestellt. Die Niederlande gewähren großzügige Steuerentlastungen für Investitionen im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation. Die vorteilhaften Besteuerungsregeln machen sie insbesondere für multinationale Konzerne interessant. Die Niederlande sind nach den USA, dem Vereinigten Königreich und China der viertgrößte Empfänger ausländischer Direktinvestitionen weltweit.
Hohe Kaufkraft
Die noch immer hohe Inflation schmälert auch in den Niederlanden die verfügbaren Einkommen der Haushalte. Die von der GfK angegebene durchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft von 23.873 EUR liegt europaweit auf Platz 12. Damit haben die Niederländer rund 46 % mehr als der europäische Durchschnitt (16.344 EUR) für den privaten Verbrauch und zum Sparen zur Verfügung. Dabei ist die Kaufkraft regional ausgewogen verteilt. In sieben der zwölf Provinzen weicht die durchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft nur um wenige Prozent vom Landesdurchschnitt ab.
Noch im September 2022 gab die damalige Regierung unter Ministerpräsident Rutte angesichts der hohen Energiepreise und der Inflation einen 17 Mrd. EUR schweren Plan zur Stärkung der Kaufkraft bekannt. Was daraus wird, wird wohl erst die zukünftige Regierung entscheiden. Neuwahlen sind für November 2023 vorgesehen.
| Jürgen KneidingDaten + Fakten
Die Niederlande
Amtliche Bezeichnung: Königreich der Niederlande
(Koninkrijk der Nederlanden)
Staatsform: Parlamentarische Monarchie
Staatsoberhaupt: König Willem-Alexander (seit 2013)
Regierungschef: Amtierender Ministerpräsident Mark Rutte
(Rücktritt am 10. Juli 2023)
Verwaltungsstruktur: 12 Provinzen (Provincies)
Fläche: 41.540 km
2Einwohner: 17,6 Mio.
Bevölkerungswachstum: 0,3 %
Bevölkerungsdichte: 424 Einwohner pro km
2Religion: Katholiken 24 %, Protestanten 15 %, Muslime 5 %, ohne 56 % oder sonstige
Altersstruktur: 0-14: 15,5 %, 15-29: 18,7 %, 30-44: 18,4 %, 45-60: 21,1 %,
60+: 26,3 %; mittleres Alter: 42 Jahre
Städtische Bevölkerung: 93 %
Hauptstadt (1.000 Einwohner): Amsterdam (883)
Größte Städte (1.000 Einwohner): Rotterdam (655), Den Haag (553),
Utrecht (362), Eindhoven (238), Groningen (235), Tilburg (235)
BIP (Prognose 2024): 1.135 Mrd. USD
BIP pro Kopf (Prognose 2024): 63.912 USD
Währungseinheit: 1 Euro
Deutsche Ausfuhr (2021): 101,1 Mrd. EUR (19,5 % z.Vj.)
Deutsche Einfuhr (2021): 105,1 Mrd. EUR (20,8 % z.Vj.)
Telefonvorwahl: +31
Internet-TLD: .nl

Foto/Grafik: SN-Verlag; Prognose; Quellen: IMF (April 2023), Statistics Netherlands, FocusEconomics, SECO, Knoema, OECD, gtai, Weltbank, WKO
Niederlande Wirtschaftsdaten im Überblick

Foto: SN-Verlag; Prognose; Quellen: IMF (April 2023), Statistics Netherlands, FocusEconomics, SECO, Knoema, OECD, gtai, Weltbank, WKO

Foto/Grafik: BTH-Heimtex; Quelle: Statista
Niederlande – Bruttowertschöpfung und Beschäftigung nach Sektoren (in %)

Foto: BTH-Heimtex; Quelle: Statista

Foto/Grafik: BTH-Heimtex; Quelle: Statista
Niederlande – Struktur des privaten Verbrauchs

Foto: BTH-Heimtex; Quelle: Statista
aus
BTH Heimtex 09/23
(Handel)