Sachverständiger Richard A. Kille übergibt Leitung des IFR Köln

Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli

Der Sachverständige Richard A. Kille genießt in der Bodenbranche einen hohen Bekanntheitsgrad und eine ebenso hohe Wertschätzung. Im August2025 hat
der 67-Jährige die Leitung seines Sachverständigeninstituts IFR Köln an Christian Bergsch übergeben. Im Interview mit FussbodenTechnik gibt er Einblicke in seine beruflichen Stationen, seine Leidenschaft für Oldtimer, Gitarre und Mundharmonika sowie seinen neuen Lieblingsort in der Eifel. Ein wichtiger Arbeitsplatz war für ihn jahrzehntelang sein VW-Transporter.


FussbodenTechnik: Herr Kille, was hat Ihnen bei Ihrer Sachverständigentätigkeit besonders viel Spaß gemacht?

Richard A. Kille: Lösungen zu finden, wenn die Ursache des Konflikts nicht allein die Technik betrifft. Wir haben heute viel mehr mit Konflikten zwischen Menschen zu tun als mit der Technik. Bei Mathematik und Physik geht es um Rechenaufgaben und am Ende steht ein Ergebnis. Wenn aber jemand ein Gedicht aufsagt, interpretiert das jeder anders. Manchmal prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander. Das hat dazu geführt, dass ich etwas gesucht habe, was weiterhelfen kann - und gefunden habe ich die Mediation, also die Kunst des Vermittelns bei Konflikten. Ich habe zusammen mit meiner Ehefrau Petra nach Feierabend vier Semester Mediation studiert. So lernt man sein Gegenüber zu verstehen. Mit dem Wissen können zwei Parteien bei verhärteten Fronten wieder ins Gespräch kommen.

FT: Haben Sie einen Überblick, wie viele Gutachten Sie insgesamt erstellt haben?

Kille: Zur Beantwortung der Frage muss ich nur in meinen Gutachter-Manager schauen. Ich bin derzeit bei der Auftragsnummer 6.494 angelangt. 1991 habe ich meinen ersten Auftrag geschrieben, mochte aber damals nicht die "1" als Auftragsnummer vergeben, sondern bin mit 100 gestartet. In der Nummerierung sind auch meine Vorträge enthalten. Ich würde daher von über 5.000 Gutachten und Stellungnahmen etc. ausgehen.

FT: Ich hörte, dass viele Ihrer Gutachten quasi auf der Straße entstanden seien. Was hat es damit auf sich?

Kille: Bei einer hohen Termindichte war ich tagsüber auf Baustellen bei Ortsterminen unterwegs. Ich bin mit sehr wenig Schlaf ausgekommen, teilweise sind wir auch nachts gefahren. Ich hatte immer einen Vertrauten, der meinen VW-Transporter gefahren ist. Ich habe hinten an einem Tisch gesessen und die Gutachten diktiert und geschrieben. Man kann sagen, ich habe 30 Jahre lang im VW-Bus hinten gearbeitet. Auf diese Weise konnte ich doppelt so viel arbeiten wie andere Sachverständige.
Das Pensum hat sich mittlerweile aber verändert: Ich habe 33 Jahre lang sechs Tage die Woche gearbeitet, vor zwei Jahren habe ich auf fünf Tage wöchentlich reduziert - und ab 2026 plane ich eine Drei-Tage-Woche.

FT: Dann bleibt künftig mehr Zeit für andere Dinge?

Kille: Ganz genau. Ich war beruflich sicherlich immer ein Workaholic. Heute arbeite ich streckenweise nicht, fülle aber die Zeit mit Lernen. Ich nehme Gitarren- und Mundharmonika-Unterricht, spiele in einer Irish-Folk-Band und widme mich meinem Oldtimer - einem MG TC, Baujahr 1947. Mit Petra besuche ich gerne Workshops, zum Beispiel zum Thema Kommunikation. Dadurch lerne ich viel fürs Leben. Ich bin ein Anhänger vom lebenslangen Lernen. Unseren Lebensmittelpunkt haben wir mittlerweile an den Rursee in der Eifel verlegt. Dort sitzen Petra und ich gerne auf unserer sogenannten Rentnerbank im Garten auf einem Hanggrundstück und genießen den tollen Ausblick bei einem Glas Rotwein. Die landschaftlich tolle Gegend mit Wasser und Bergen gefällt uns sehr und erinnert uns an unseren langjährigen Urlaubsort am Lago Maggiore im Tessin.

FT: Wie sind Sie auf Christian Bergsch gekommen, der Ihr Sachverständigeninstitut im August 2025 übernommen hat?

Kille: Seit Anfang der 1990er-Jahre kenne ich Christians Vater, Rolf Bergsch, der sich mit großem Fachwissen in der Fußbodentechnik behauptet hat. Christian kenne ich schon seit seiner Schulzeit, heute ist er 45 Jahre alt. Seine zusätzliche Ausbildung als diplomierter Bau-Ingenieur rundet seine Fußbodenkompetenz ab. Die Folge ist: Ich lerne von Christian und er von mir, das ist eine perfekte Konstellation.

FT: Ist Christian Bergsch auch öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger?

Kille: Ja, das ist er - für das Bodenlegergewerbe der Handwerkskammer zu Köln. Christian hat mich vier Jahre lang zu meinen Terminen begleitet. Er leitet das Unternehmen Bergsch Fußbodentechnik in Köln und lernt unglaublich schnell. Ich denke, das liegt daran, dass Christian von Kind an das Bodenlegerhandwerk erlebt hat.

FT: Ihre Bestellung umfasst das Raumausstatterhandwerk, das Bodenlegergewerbe, das Parkettlegerhandwerk und das Estrichlegerhandwerk mit dem Teilgebiet Doppel- und Hohlraumböden. Wie lange läuft diese Bestellung noch?

Kille: Man wird im Fünf-Jahres-Rhythmus vereidigt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und die Bestellung läuft noch bis 72. Die Handwerkskammer hat gesagt: Sie werden doch wohl nicht überlegen, in den Ruhestand zu gehen? Das ist ja nicht so, aber ich suche mir die Fälle gezielt aus. Christian Bergsch kann im Augenblick noch keine Parkett-Fälle übernehmen, aber das wird sich ändern.

FT: Wenn Sie auf Ihre Sachverständigenpraxis zurückblicken: Was war ein besonders kurioser Fall?

Kille: Da kann ich Ihnen von einem sehr ungewöhnlichen Termin berichten. Ich erinnere mich gut an den Fall mit einem Teppichboden, der Maden aufwies, die von oben kamen. Ich war dafür dreimal im Allgäu. In einem Privathaus hatte der Bauherr im Esszimmer einen teuren Infloor-Teppichboden verlegen lassen. Direkt neben einem Stuhl tauchten unvermittelt Maden auf. Ich schaute mir den Teppichboden an, der einwandfrei war, sammelte die Maden auf und bin etwas ratlos wieder zurückgereist. Eine Woche später klingelte erneut das Telefon, die Maden sind wieder da. Am Ort des Geschehens bekam ich einen Kaffee angeboten und saß im Esszimmer. Ich genieße den Kaffee und streiche mir kurz über den Kopf. Dabei fällt eine Made auf den Esstisch. Ich gucke nach oben: Es handelte sich um ein typisches Holzhaus mit Balkendecke und Eichenbohlenbrettern. Ich bat den Hausherrn um eine Leiter, benutzte mein Taschenmesser und konnte feststellen, dass die Maden aus einer Fuge kamen. Wir sind dann zusammen auf den Dachboden geklettert. Das war wie im Bilderbuch. Die Hausherrin sagte nur noch: "Ja, das gibt’s ja nicht, da ist ja die Miezi." Die verschollen geglaubte Katze war da bereits in Auflösung begriffen und der Fall geklärt.

FT: Kann man sagen, was besonders häufige Schadensursachen sind?

Kille: Feuchte regiert das Schadenspotenzial, wobei ich Flüchtigkeitsfehler als häufigste Ursache sehe. Ich habe gerade eine tolle Zahnarztpraxis in Essen besucht, die Sozialräume im Souterrain unterhält. Keiner kümmerte sich darum, dass es in den 1920er-Jahren noch keine Abdichtung zum Erdreich gab. Die fehlende Abdichtung sorgte nun für aufsteigende Feuchtigkeit, die zum Schaden führte - und dafür kann der Amtico-Designbelag nichts.

FT: Entwickeln Sie als Sachverständiger eine Antenne für Ursachen oder schließt man Ursachen nach und nach aus?

Kille: Da ich die Schadensursache am Anfang nicht kenne, arbeite ich nach dem Ausschlussprinzip - und das rückwärts. Ich gucke, was kann die Ursache nicht sein und so zieht sich die Schlinge immer weiter zu. Das Prinzip ist ein nüchternes Abarbeiten. Tatsächlich macht es viel mehr Arbeit, nach dem Ausschlussprinzip zu arbeiten als andersherum, aber es hat sich bewährt. Ich bin fest davon überzeugt, dass so Fehleinschätzungen ausgeschlossen sind.

FT: Werden Sie auch weiterhin Vorträge bei der Industrie halten?

Kille: Ja, das mache ich auch weiterhin, weil es ein Stück weit mein Lebenselixier ist. Es macht mir einen Riesenspaß. Alle Unternehmen, die mich bisher beauftragt haben, lassen mich frei reden. In der Vorbereitung frage ich natürlich, worauf ich achten muss. Dann heißt es immer: "Halten Sie den Vortrag so, wie Sie sind. Das mögen wir." Das freut mich natürlich.

FT: Können Sie sich an einen Vortrag erinnern, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Kille: Ja, sehr gut sogar. Anwesend waren 250 Teilnehmer bei einem Architektenforum im Maritim Hotel in Köln. Ich bin vorher im Büro im Souterrain bei uns gewesen, gehe zum Auto und stelle fest, dass ich mein Handy vergessen habe. In meinem Elan bin ich auf die drittletzte Stufe gesprungen, gestürzt und mit der Stirn auf eine Betonkante geknallt. Das Blut lief, was tun? Ich bin dann auf direkten Weg zu einem befreundeten Arzt. Der konnte die Blutung stillen und ich hatte einen blutigen Verbandsdeckel auf dem Kopf. Weiter ging es ins Maritim Hotel. Ich stand auf dem Podium, 250 Architekten in schwarzen Hemden starrten mich an. Ich sagte gute zehn Sekunden lang nichts. Dann hob ich den Zeigefinger und zeigte auf meine Stirn und sagte: "Wer mein Frau kennt, fragt nicht!" Der ganze Saal hat gebrüllt vor Lachen. Noch während meines Vortrags sind bei meiner Frau Nachrichten im Büro eingegangen. Die Leute fragten: "Was hast Du denn mit Richard gemacht?"

FT: Was ist der größte Unterschied, wenn Sie die Sachverständigentätigkeit von gestern mit der von heute vergleichen?

Kille: Die Antwort ist Künstliche Intelligenz, kurz KI. Wenn ich ein Gutachten abliefere, dauert es acht, neun Wochen, dann kommt die Gerichtsakte zurück mit einer Stellungnahme des Anwalts zu meinem Gutachten. Dann muss ich mich mit der Stellungnahme auseinandersetzen. Häufig hat der Anwalt mein Gutachten digitalisiert und bei Chat GPT die KI befragt, wo die Fehler im Gutachten liegen. Diese digitalen Stellungnahmen werden häufig vom Anwalt übernommen und meistens sind grobe logische Fehler enthalten. Mit diesem Thema werden wir uns als Sachverständige zukünftig auseinandersetzen müssen. Ich sehe in KI nicht die große Gefahr, da unsere Objekte, die wir begutachten, sehr individuell sind. In der Datenflut lassen sie sich nicht zwingend wiederfinden.

FT: Wollen wir zum Abschluss noch ein Geheimnis lüften? Wofür steht das "A" in Ihrem zweiten Vornamen?

Kille: (lacht) Das A steht für Andreas. Es ist insofern kein Geheimnis, da es regelmäßig in den Gerichtsakten auftaucht.


Richard A. Kille
Berufliche Stationen
-1974-1976: Ausbildung zum Raumausstatter beim Raumausstatter Karl Kleene, Cloppenburg
-1978-1985: Tätigkeit im europäischen Branchenhandel beim Einrichter Fitz Lüttmann, Bad Zwischenahn
-1980: Weiterbildung zum Raumausstattermeister an der Bundesfachschule für das raumausstattende Handwerk, Oldenburg
-1985-1987: Leitung des Fußbodengeschäfts bei Büscher & Lohr, Bremen
-1988: Bestellung als ö.b.u.v. Sachverständiger für das Raumausstatterhandwerk HWK Oldenburg
-1988-1990: Start als Sachverständiger für das Raumausstatterhandwerk und das Bodenlegergewerbe im IFF von Siegfried Heuer, Koblenz
-1991: Gründung und Leitung des Instituts für Fußboden und Raumausstattung (IFR), Köln
-1994: Zusätzliche Bestellung für das Parkettlegerhandwerk
-1995: Aus dem IFR wird die IFR Sachverständigenbürogesellschaft für Fußbodentechnik und Raumausstattung
-2014: Zusätzliche Bestellung für das Estrichlegerhandwerk mit dem Teilgebiet Hohlraum- und Doppelböden
-2025: Übergabe des IFR Köln an Dipl.-Ing. Christian Bergsch. Kille ist als Prokurist weiterhin als Sachverständiger und Referent im Einsatz


Christian Bergsch
Berufliche Stationen
-Diplom-Ingenieur (FH) für Bauingenieurwesen (Fachrichtung Baubetrieb), staatlicher geprüfter Bodenleger
-2006: Gründung von Bergsch Bau GmbH & Co. KG, Fachbetrieb für Beton-, Maurer-, Stuckateur-, Maler- und Lackierarbeiten
-2016: Geschäftsführer der Ferdinand Bergsch GmbH, Fachbetrieb für Bodenbeläge
-2022: Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Bodenleger-Gewerbe der Handwerkskammer zu Köln
-Besondere Kenntnisse: Strukturierte und lösungsorientierte Herangehensweise an komplexe Sachverhalte durch Kenntnisse aus Fachtheorie und -praxis, Werkstoffkunde, Schadensanalyse und Schadensursachenforschung
-Tätigkeitsspektrum: Sachverständigentätigkeit für Amts-, Land-, Oberlandesgerichte, Sozial- und Verwaltungsgerichte


IFR im Überblick
IFR Sachverständigenbürogesellschaft für Fußbodentechnik und Raumausstattung mbH

Scheibenstraße 159
50737 Köln
Tel.: 02 21 / 590 70 41
info@ifr-gutachter.de
www.ifr-gutachter.de

Gründung: 1991
Mitarbeiter: 5
Geschäftsführer:
Dipl.-Ing.
Christian Bergsch
Prokurist:
Richard A. Kille
Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli
Foto/Grafik: IFR
Richard A. Kille im Jahr 1993: Verlegeeinweisung und Rapportkorrektur bei einem Teppichboden auf der Baustelle.
Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli
Foto/Grafik: Lüttmann
Im Jahr 1982 war Richard A. Kille beim Einrichter Fritz Lüttmann im niedersächsischen Bad Zwischenahn beschäftigt und zeigt hier Orientteppiche in der Sonderausstellung.
Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli
Foto/Grafik: Kille
Richard A. Kille hat eine Leidenschaft für Oldtimer: Dies ist sein MG TC, Baujahr 1947.
Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli
Foto/Grafik: Kille
Richard A. Kille und seine Ehefrau Petra C. Oberwalleney-Kille auf der von ihnen scherzhaft genannten "Rentnerbank" am Rursee in der Eifel.
Über 5.000 Gutachten – viele davon im VW-Bulli
Foto/Grafik: IFR
Bei seinen Sachverständigenfällen arbeitet Richard A. Kille nach dem bewährten Ausschlussprinzip.
aus FussbodenTechnik 06/25 (Wirtschaft)