GHF Bundesverband Großhandel Heim & Farbe e.V.
Mit mehr Zusammenhalt die Herausforderungen angehen
Schonungslos haben die Referenten auf der Jahrestagung des GHF den Zustand der Welt und Deutschlands im Besonderen beschrieben. Den Herausforderungen will der Großhandel mit mehr Eigeninitiative, Austausch und partnerschaftlichem Zusammenhalt begegnen.Im 125. Jahr seines Bestehens feierte der Großhandelsverband Heim & Farbe (GHF) im Oktober seine Jahreshauptversammlung mit einer Rekordbeteiligung von 265 Teilnehmern. Der Blick auf das Programm ließ erkennen, dass diese Veranstaltung durchaus eine besondere werden sollte. Gelang es dem GHF in den letzten Jahren immer wieder, hochkarätige Referenten zu verpflichten, setzte er im Jubiläumsjahr noch eins drauf: Passend zum Weltgeschehen und zur unmittelbaren Realität vor der Haustür griffen gleich sechs Vorträge die ganz großen Themen auf, dazu gab es eine Podiumsdiskussion über die Zukunft von Handel und Handwerk. Auch der Branchenabend wurde dem Anlass gerecht, bei dem neben zwei Dinner-Speeches ein wunderbares Video 125 Jahre Verbandsarbeit Revue passieren ließ. Davon abgesehen nutzten die Teilnehmer während der beiden Tage wie immer die reichliche Gelegenheit zum Netzwerken und Austauschen. Schließlich kennt man sich seit langem und freut sich auf das jährliche Wiedersehen.
Positiver Wandel
in schwierigen Zeiten
GHF-Geschäftsführer Bert Bergfeld eröffnete die Veranstaltung und skizzierte in seiner Begrüßung ein schwieriges wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches Umfeld für 2025, das für Deutschland das dritte Jahr in Folge ohne Wirtschaftswachstum markiert. Fehlende echte Reformen der Bundesregierung, der seit über drei Jahren andauernde Krieg in Europa und ein US-Präsident, der die Weltordnung neu interpretiert, führten zu einer Verunsicherung der Bürger, die sich in einer spürbaren Konsumzurückhaltung äußert. Dies stellt die Handelsbranche vor große Herausforderungen, verstärkt nach Bergfelds Einschätzung aber auch den Wunsch nach Austausch und Zusammenhalt.
Diesen bemerkt auch der GHF-Vorstandsvorsitzende Tobias Schmitt. Die schwierige Situation habe einen positiven Wandel angestoßen. Die Branche diskutiere nun selbst über Strategien und Lösungen, anstatt sich primär auf Agenturen zu verlassen. Es gebe mehr direkten Austausch und eine partnerschaftlichere Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Schmitt nannte in diesem Zusammenhang die Produktstammdatenlösung XPIM, die mit den neuen Gesellschaftern MEG-Gruppe, VFG und Keimfarben auf eine breitere Basis gestellt werden konnte, sowie die Verknüpfung von ERP- und CRM-Systemen mit KI-Werkzeugen, um Prozesse effizienter zu machen und die Produktivität zu erhöhen.
Umsätze insgesamt gesunken
Das fehlende Wirtschaftswachstum in Deutschland spiegelt sich in den aktuellen Zahlen wider, die Bert Bergfeld vorstellte. Die Umsatzentwicklung der ersten acht Monate 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zeigt einen Rückgang von insgesamt 3,20 %. Er fällt damit etwas geringer aus als im Vorjahr (-5,13 %).
Per Ende August schlossen die drei umsatzstärksten Produktbereiche der GHF-Mitglieder wie folgt ab: Farbe für Wand und Boden -0,72 %, elastische Bodenbeläge +0,85 % sowie Spachtelmassen und Klebstoffe für Boden +1,23 %. Die stärksten Einbußen verzeichneten wie bereits in 2024 Wärmedämmverbundsysteme (-4,87 %), Heimtextilien (-8,67 %), Trockenbau (-4,53 %) sowie Zubehör/Randsortimente/Sonstiges (-21,69 %). Immerhin: Die Warengruppen Lacke/Lasuren und Werkzeuge/Maschinen/Klebebänder zeigen sich gegenüber Vorjahr erholt mit +2,34 bzw. +3,91 %.
Austausch in neuen Formaten
Was hat sich der GHF für das neue Jahr vorgenommen? Bergfeld kündigte neue Gesprächsformate und Arbeitskreise an. Zum Thema B2B-Commerce wird es eine eigene Gesprächsplattform geben, weil sich KI rasant weiterentwickelt und gravierende Auswirkungen auch auf das Handelsgeschäft hat. Der Handel soll hier Themen wie Digitalisierung und KI-Anwendungen diskutieren und vertiefen.
Darüber hinaus sollen sich Großhandel und lndustrie in einem eigenen Kreis über die Auswirkungen und Umsetzung aktueller Gesetze und Verordnungen austauschen können. Außerdem wird es einen weiteren Gesprächskreis ausschließlich für den Farben- und Bodenbelagsgroßhandel geben, damit sich der Handel künftig mit gemeinsam formulierten Willensbildungen gegenüber Gesetzgeber und Industrie positionieren kann. Etwa zum Eimer-Pfand, das derzeit im Markt diskutiert wird, und einer zu erwartenden Rücknahmepflicht von Altbelägen.
Mit dem vor kurzem eingerichteten WhatsApp-Business-Kanal will der Verband zeitnah und schneller als via Newsletter informieren. Allerdings sollen Nutzer auch nicht jeden Tag mit News überflutet werden. Und nach der ersten Folge des GHF-Podcasts wird es noch in diesem Jahr eine weitere geben.
Alles dies zahlt auf das Ziel des Verbands ein, mehr Eigeninitiative zu zeigen und mit den Mitgliedern verstärkt in den direkten Kontakt und partnerschaftlichen Austausch zu kommen. Inwieweit die Maßnahmen und Angebote ausreichen, um den Herausforderungen begegnen zu können, wird sich am 29. und 30. September 2026 zeigen. Dann wird wieder Bilanz gezogen auf der nächsten Jahreshauptversammlung, die in Stuttgart stattfinden wird.
Matthias HeiligHochkarätige Referenten auf der GHF-Jahrestagung 2025
Prof. Dr. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft zur wirtschaftlichen Situation: "Deutschland befindet sich in einer ernsten strukturellen Krise, die durch ein sinkendes Pro-Kopf-Einkommen und eine fünfjährige Stagnation der Produktivität gekennzeichnet ist. Dies ist ein einmaliges Phänomen in der Nachkriegsgeschichte und deutet auf tiefgreifende Probleme hin, die über eine normale Rezession hinausgehen."
Prof. Dr. Carlo Masala, Experte für internationale Politik und Sicherheit, sprach über die Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft: "Wir leben mitten in einer Auseinandersetzung um eine neue Weltordnung. Im Kern geht es um die Frage, ob die alte liberale Weltordnung überlebt oder durch eine neue mit anderen Normen, Regeln, Prinzipien und Institutionen ersetzt wird."
Dr. Ralf Deckers vom Institut für Handelsforschung beleuchtete das Kaufverhalten in unsicheren Zeiten und wie sich der B2B-Commerce entwickelt. Neuer Trend sind KI-Agenten: Assistenten, die nicht nur antworten, sondern autonom handeln und vorgegebene Aufgaben eigenständig umsetzen. Die Integration von KI-Lösungen in Betriebsorganisationen sei das nächste Level der Digitalisierung.
Sophie Thomann und Benedikt Nolte stellten mit Plato eine KI-basierte Vertriebsplattform für den Großhandel vor. Sie verknüpft Daten aus ERP- und CRM-Systemen mit KI-Werkzeugen, um Prozesse effizienter zu machen und die Produktivität zu erhöhen.
Meteorologe Sven Plöger machte klar: "Physik und Realität sind nicht verhandelbar. Lösungen erfordern eine konstruktive Haltung, klare Rahmenbedingungen und den Ausbau erneuerbarer Energien. Jedes Zehntel Grad zählt, und eine Transformation zur Nachhaltigkeit ist unausweichlich - entweder gestaltend mit geringeren Kosten und weniger Leid für uns Menschen oder reaktiv mit hohen, unbezahlbaren Schäden."
Schiedsrichter Deniz Aytekin gab Einblicke, nach welchen Kriterien er Entscheidungen trifft. Diese sollten auch für Unternehmer und Führungskräfte gelten: "Authentizität und das Leben der eigenen Werte wie Empathie sind entscheidend. Man kann in der Sache klar und objektiv sein, aber im Umgang mit Menschen herzlich bleiben. Diese Menschlichkeit erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen."
aus
BTH Heimtex 11/25
(Wirtschaft)