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Tarkett: Thorsten Beinke im Interview

"Bodenbeläge müssen nachhaltiger werden"


Beim (Boden-)Design geht es heute nicht mehr nur um trendgerechte Farben und Dekore. Sondern auch um Nachhaltigkeit, Produktivität, Recycling und Wertschöpfung. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Digitaldruck. Wenn sich einer damit auskennt, ist es Thorsten Beinke, als Décor Director verantwortlich für das Design der modularen Produkte und Digitaldruck von Tarkett. Parkett Magazin sprach mit ihm.

Parkett Magazin: Herr Beinke, welchen Trend sehen Sie aktuell im Design?

Thorsten Beinke: Der Konsument will immer noch Holz. Wobei viele sagen, es gebe einen Trend zu ruhigeren Hölzern, A-Sortierungen gewissermaßen, das sehe ich anders. Ich will das nicht rustikal nennen, aber es soll authentisch sein, "back to the roots". Vielleicht auch in Folge des Nachhaltigkeit-Themas. Ich glaube, dass in einigen Jahren die Kaufentscheidung auch danach getroffen wird, ob ein Produkt bzw. ein Material nachhaltig ist.

Die meisten Hersteller von PVC-Belägen überlegen heute, wie man Nachhaltigkeit nicht nur optisch, sondern auch produktionstechnisch darstellen kann. Es bleibt ja PVC, auch wenn wir es Vinyl nennen. Das Problem beim PVC waren in der Vergangenheit die Weichmacher, Pthalate, die bei Tarkett schon seit einigen Jahren aus allen Produkten verbannt sind. Da ist unser Unternehmen Vorreiter. Jedoch ist das nur der Anfang, wir messen der Qualität unserer Rohstoffe und dem Thema Recycling besondere Bedeutung zu und sind da entsprechend transparent. Wobei das ein ständiger Prozess bleibt; je nach Vorgaben der EU müssen wir auch schon mal neue Formulierungen finden. Ich glaube nicht, dass alle Hersteller das immer so konsequent im Blick haben.

Bedeutet das auch, dass zum Beispiel das häufig beworbene Virgin PVC nicht per se qualitativ besser ist, weil es eben primär auf die Qualität der Rohstoffe ankommt?

Im Prinzip ja. Das PVC-Polymer selbst ist eines der besten Polymere, die es gibt. Nicht nur, was den Zusammenhalt der Makromoleküle betrifft, sondern auch, wie sie sich wieder trennen und wiederverwerten lassen. Bei den homogenen Belägen können wir unser Material komplett recyceln, müssen kein Backing abziehen, keinen Träger extrahieren, können es so in der Recyclinganlage in seine Bestandteile zerlegen und wieder verwenden. Momentan arbeiten wir mit Klebstoffherstellern an einem Kleber, den man recyceln kann, ohne ihn entfernen zu müssen.

Recycling ist aber nur eine Facette. Ich bin sicher, dass das gesamte Thema Nachhaltigkeit rasant an Bedeutung gewinnen wird, gerade auch im Zuge der Corona-Krise. Die Diskussion hat sich in vielen Bereichen verstärkt. Gerade die jüngere Generation ist da sensibel.

Das sehe ich genauso. Und die jüngere Generation ist ja auch die, die morgen ihre Wohnungen einrichtet und die Entscheidungen trifft. Bei diesem Thema ist die Branche viel zu kurzsichtig. Und es gibt auch zu viel "green washing". Kaum jemand hat eine langfristige Nachhaltigkeitsstrategie.

Bei Tarkett beschäftigen wir uns intensiv damit, denken auch über Warenströme nach, über Logistik. Zum Beispiel, wie wir unseren CO)-Ausstoß reduzieren können, indem wir die Logistik effizienter machen. Man muss wirklich ganz vom Anfang her denken - und durch den ganzen Produktionsprozess hindurch. Ich bin zum Beispiel froh, dass wir mit federführend im Bereich Digitaldruck sind - nicht nur im Druck per se, sondern im gesamten Prozess. Die Digitalisierung hat ja unter anderem den Vorteil, dass man viel exakter produzieren kann.

...sprich bedarfsgerechter...

Ja, genau. Alle Bodenbelagsproduzenten haben ja das Problem, dass sich von einer Kollektion mit 100 Dekoren nie alle verkaufen. 30 oder 40 bleiben am Lager liegen, und wenn die Kollektion ausgelaufen ist und kein Kanal für die Restware vorhanden ist, landet sie auf dem Müll. Das ist total falsch.

CO) zu reduzieren ist schön und gut; wir müssen aber auch unseren Konsum reduzieren. Es kann doch nicht sein, dass Hersteller eine Überproduktion in Kauf nehmen und mit einkalkulieren, dass sie 20 % ihrer Ware wegwerfen. Und genau das passiert mit Digitaldruck nicht. Von einem Artikel, der ein Design-Highlight darstellt, werden eben nur 2.000 m2 produziert und nicht 20.000 m2. Das bekommt man mit einer klassischen 2 m-Zylindertiefdruckanlage nicht hin. Da braucht man viele Laufmeter, bis die Farbe steht. Da sind schnell mal einige hundert Quadratmeter Makulatur produziert. Im Digitaldruck hingegen stimmt die Farbe nach 5 m Materialverbrauch. Das spart nicht nur Material, sondern auch Energiekosten, Personal... das zieht sich durch alle Bereiche, Stichwort "Lean Manufacturing". Dies entdeckt die Bodenbelagsbranche gerade erst für sich.

Ein nachhaltiges Produkt, eine nachhaltige Produktion kann ich nachvollziehen. Aber was bedeutet nachhaltiges Design? Es kann doch nicht damit getan sein, einen nachhaltigen Werkstoff wie Holz möglichst authentisch abzubilden...

Nein, überhaupt nicht. Das hat nichts mit dem Dekor an sich zu tun. Es muss nicht einmal ein Originalmaterial eingescannt werden, sondern kann auch so etwas wie unsere Mixonomy-Kollektion sein, bei der man mit verschiedenen Formen von Hexagon bis Herringbone in 31 Farben seinen individuellen Boden gestalten kann.

Also ist nachhaltiges Design mehr im Sinne von einzigartig, wertig, zeitlos zu verstehen, das Gegenteil eines Wegwerfartikels?

Ja, das ist der Wunschtraum eines jeden Designers. Früher war Design ganz einfach: Man hat sich die Verkaufsstatistiken und die Wettbewerbskollektionen angeschaut und daraus dann weiterentwickelt. Heute beschäftigen wir uns mit zwei Themen: Erstens, wie man durch das Design sichtbar machen kann, dass ein Produkt nachhaltig ist. Und zweitens, wie sich dieses Design möglichst effektiv produzieren lässt. Und noch ein dritter Punkt kommt hinzu: Um Design nachhaltiger zu machen, wollen wir individualisierbare Produkte entwickeln, mit denen sich Kunden verbunden fühlen, sich identifizieren und die sie deshalb zwanzig statt zwei Jahre behalten.

Fehlt hier nicht der Preis als ein wichtiges Kriterium?

Natürlich ist auch der Preis eine Dimension der Positionierung eines Produktes. Wobei sich die Frage stellt, ob gutes Design automatisch an einen hohen Preis gekoppelt sein muss oder schlechtes Design billig ist. So einfach ist es nämlich nicht. Letztlich ist Design Geschmacksache. Und man muss auch mal modisch sein. Primark & Co gibt es auch nicht ohne Grund. Und ebenso muss man manchmal einfach etwas ausprobieren. Wie Steve Jobs. Der wusste auch nicht, ob das iPhone ein Erfolg wird.

Sie haben schon mehrfach individualisierbares Design als Schlüsselwort für die Bodenbelagszukunft genannt. Wo sehen Sie die größeren Chancen? Bei mass customized oder einem persönlichen Design in Losgröße 1?

Das eine schließt das andere nicht aus. Wobei unser Wettbewerb häufig mit Kleinstmengen wirbt, wir würden lieber 5.000 m2 individualisieren.

Das ist dann aber ein reines Objektthema. Da lässt sich doch gar nicht so eine Verbindung herstellen wie zu dem Boden, der in meinem Wohnzimmer liegt...

Doch. Wenn der Planer, der Architekt und der Store Manager den Designprozess begleiten und den Boden praktisch mitentwickeln, entsteht auch eine Verbindung. Darum geht es: emotionales, nachhaltiges Design. Bevor Sie einen Eames-Chair rauswerfen, überlegen Sie, ihn neu zu polstern. Bei einem Ikea-Stuhl eher nicht.

Die Verbindung von Design, Nachhaltigkeit und digitaler Technologie ist eine Riesenchance. Aber nicht im Bereich von 20 m2.... abgesehen davon ist der Endkunde mit einer kompletten Individualisierung ohnehin überfordert. Man kann ihn nicht mit der Vielfalt der Designs und Produkte alleine lassen, sondern muss in gewisser Weise kuratieren.

Nachhaltigkeit, längere Nutzungsdauer... hört sich gut an. Aber wie passt das zusammen mit Gewinnmaximierung und Produktionsdruck?

Unser CEO Fabrice Barthélemy hat die Parole ausgegeben "Change to win". Wir wollen Dinge verändern. Man kann nicht immer nur größer und größer werden, das Wachstum hat ein Ende. Und ja, der Produktionsdruck ist da. Aber auch hier werden wir an einen Punkt kommen, an dem die Preise nicht mehr weiter nach unten gehen. Es gibt Länder, die das schon erkannt haben, zum Beispiel in Skandinavien. Der Wert des Produktes muss erhalten bleiben. Warum kann man heute einen Laminatboden schon für 3,99 EUR kaufen? Eine Eiche-Landhausdiele für unter 50 EUR? Das ist falsch und tut der Branche nicht gut. Die Absatzmengen auf dem europäischen Markt werden geringer. Wir müssen zurück zu einer Wertigkeit der Produkte. Das geht im Prinzip nur mit Design und Nachhaltigkeit.

Und die Margen müssen so einträglich ein, dass die Unternehmen in neue Technologien investieren können. Gerade nachhaltige Technologien kosten Geld. Wir müssen nachhaltiger werden. Und das gibt es nicht umsonst, das hat seinen Preis. Aber ich glaube, dass die Konsumenten auch immer mehr bereit sind, dafür zu bezahlen.

Ich glaube auch, dass das Thema der Mehrfachverwendung immer wichtiger wird. Wie kommen wir im Sinne von Cradle to Cradle zu geschlossenen Produktkreisläufen, so dass wir keine neue Rohstoffe brauchen? Dazu müssen wir aber auch wissen, was in den Produkten ist. Da sind wir mit Tarkett auf dem richtigen Weg, weil wir überwiegend in Europa produzieren.

Welche Rolle spielen Design und Nachhaltigkeit für die weiteren Stufen der Wertschöpfungskette bis hin zum Endkunden?

Also bei den Architekten steht das Thema auf der Agenda. Die beschäftigen sich damit, auch vor dem Hintergrund von Zertifizierungssystemen für nachhaltiges Bauen wie DGNB, LEED oder BREAM. Gutes Beispiel ist unser neues Bürogebäude in Ludwigshafen, das komplett nachhaltig gebaut ist. Bauen hat per se einen hohen Einfluss auf die Umwelt - man braucht Material dafür, Energie etc. Es ist klimafreundlicher, Altes zu konservieren und zu renovieren, als neu zu bauen. Ich glaube, dass das künftig mehr abgewogen wird. Und dass der Fokus stärker darauf gelegt wird, wie man die Renovierung nachhaltiger machen kann, zum Beispiel Altmaterialien, die entnommen werden, recyceln kann. Das findet bislang noch zu wenig statt. Bis das Thema wirklich beim Endkunden ankommt, wird es aber leider noch etwas dauern.

Ich möchte noch einmal den Bogen zurückschlagen: Auf diesem Weg zu mehr Nachhaltigkeit sehen Sie Digitaldruck als ein wichtiges Instrument...

Ja, absolut. Und wir haben die Technologie von der Pike auf mit dem Hersteller entwickelt und verfügen daher über viel Erfahrung. Wir sind meiner Kenntnis nach die Einzigen, die wasserbasiert auf PVC drucken. Alle anderen arbeiten unter anderem mit UV-Tinte. Wobei ich gar nicht bewerten will, was besser ist. Aber ein großer Vorteil bei wasserbasierter Tinte ist, dass die Abfälle weniger toxisch sind. Und die geringere Wasserverschmutzung, weil es natürlich einen Unterschied macht, ob man eine 4 m-Walze wäscht oder einen Druckkopf reinigt. Und wir sparen jede Menge an Lösungsmittel. Das ist auch wichtig für den Arbeitsschutz. Wir haben ja auch eine soziale Verantwortung. Unter anderem haben wir schon seit einiger Zeit geschlossene Wasserkreisläufe in unseren Werken. So verringern wir auch die Belastung für die Umwelt.

Zusammengefasst: Digitaldruck ist die Lösung für eine nachhaltigere Produktion. Weil man damit punktgenau produzieren kann, die Warenströme optimieren und die Lagerhaltung reduzieren kann, weniger Abfall anfällt und Mitarbeiterschutz garantiert ist.

Kleiner Schlenker: Ich glaube, als einziges Unternehmen bedrucken Sie auch Holz digital?

Zumindest als einziges Unternehmen in Europa. Ja, in Backa Palanka haben wir eine Single Pass-Anlage, mit der wir Holz bedrucken. Das geht übrigens auch partiell. Erst wird ein Primer aufgetragen und dann vierfarbig gedruckt.

Wer kauft so etwas?

Das ist hauptsächlich für den russischen Markt gedacht.

Gut, der ist speziell. Könnte das auch ein Thema für andere Märkte werden?

Daran glaube ich ganz fest.

| Das Gespräch führte Claudia Weidt
aus Parkett Magazin 04/20 (Wirtschaft)