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Heimtextil 2020

Grüne Themen, goldene Stimmung

Frankfurt. Weniger ist manchmal mehr: Mit 63.000 Besuchern war die Heimtextil in diesem Jahr zwar nicht ganz so gut besucht wie noch im vergangenen Jahr. Dafür stand die 50. Ausgabe der Weltleitmesse unter ganz aktuellen Vorzeichen: Das Thema Nachhaltigkeit zog sich als grüner Faden durch die gesamte Messe, und das Thema Schlafgesundheit wurde auch abseits der Produkte intensiv gespielt. Im Sleep-Forum reihten sich zahlreiche Vorträge und Diskussionen aneinander, die namhafte Persönlichkeiten und Unternehmen auf die Bühne brachten. Die Stimmung war überwiegend positiv - nicht nur während der goldenen Jubiläumsparty.

Auch wenn Quantität nicht alles und Qualität ebenfalls ein wichtiger Erfolgsindikator ist: Eine Messe braucht Frequenz. Im Vergleich zu 2019 hat die Heimtextil im Januar etwa 4.500 Besucher weniger gezählt, schon im Vorjahr wurden rund 1.000 Menschen weniger begrüßt. Das war spürbar und nicht nur angesichts der eingangs geschilderten Mühen, mit spannenden Inhalten zu punkten, ärgerlich. Denn die gab es reichlich. Es ist auch aus Sicht der ausstellenden Unternehmen wenig erfreulich, die insbesondere am Dienstag, dem ersten Messe-Tag, häufig über Besuchermangel klagten. Nicht alle, wohlgemerkt, aber insgesamt zu viele. Für die Messe Frankfurt kam die Delle nicht unerwartet, sie führt das nicht zuletzt auf den frühen Termin zu Jahresbeginn zurück. Im kommenden Jahr rückt die Heimtexil dann eine Woche weiter ins Jahr. Das entspannt die Lage nach Weihnachten und Silvester deutlich, zumal der Montag vor dem Start in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt auch noch Feiertag war.

Ob der spätere Termin im kommenden Jahr der Frequenz hilft, wird sich weisen. Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, sieht die Branche vor "immensen Herausforderungen", wie er betont: "Das bekamen einige Beteiligte auf der Heimtextil zu spüren." Und dies lag seiner Ansicht nach nicht allein am Termin. Braun sieht die Gründe für den Frequenz-Dämpfer "vor allem bei der starken Konsolidierung der Fachgeschäfte beziehungsweise bei der Entwicklung vom stationären Handel in Richtung E-Commerce. Auch konjunkturell ist der Trend abgeschwächt", so Braun.

"Dazu passt, dass ganze 34 Prozent unserer Aussteller die aktuelle Branchenkonjunktur als schlecht bewerten, im Vergleich zu gerade mal 18 Prozent im Jahr zuvor." Wobei dies in den Messegesprächen gegenüber der Haustex niemand wirklich zugeben mochte. Immerhin: Die Ausstellerzufriedenheit liegt nach Messe-Angaben auf dem guten Niveau des Vorjahres, die Zufriedenheit der Besucher ist sogar gestiegen - von 93 auf 95 Prozent. Also doch, der Geburtstagsfarbe der Heimtextil angemessen, eine goldene Stimmung? Zumindest war viel Optimismus zu spüren. Und viele Aussteller sagten, dass zwar weniger Besucher kamen, aber dennoch die Qualität stimmte - mitunter sind auch die Teams kleiner, die auf der Messe unterwegs sind. Die Konzentration im Handel, der Zwang zum Sparen - Ursachen gibt es einige.

Die Hallenstruktur ist akzeptiert

Die insgesamt gute Stimmung in den Hallen dürfte im Bereich des haustextilen Segments auch damit zu tun haben, dass die 2019 erstmals realisierte neue Hallenstruktur sich auch 2020 bewährt hat und auf breite Akzeptanz stößt. Mit kleineren Ausnahmen. PAD-Geschäftsführer Michael Rossmann etwa versteht nach wie vor nicht, warum er mit seiner Marke nicht in Halle 12 untergebracht wird, während Zoeppritz dort jetzt auch Platz fand (neben einem Stand in der Galleria). Angesichts des Umfeldes in der Halle 9 und des eigenen Markenanspruchs erscheint die Kritik nicht ganz abwegig.

Doch ehrlicherweise ist das nur eine der wenigen Stimmen, denn das vor zwei Jahren noch so heiß diskutierte Thema Hallenstruktur ist keines mehr. Viel eher fragt man sich, warum so viele Bettenfachhändler vergleichsweise wenig Zeit für den Messebesuch aufwenden. Es gab nur einzelne, die neben dem Besuch ihrer Lieferanten auch das Sleep-Forum oder andere Inspirationsmöglichkeiten wirklich intensiv nutzten. Dabei warteten nicht nur im "Sleep! The Future Forum" im Foyer der Halle 11 zahlreiche erfahrene Schlaf-Experten auf interessierte Zuhörer. Auch die benachbarte Ausstellungsfläche präsentierte neben der Schlafkampagne von Markus Kamps ein paar interessante Neuheiten rund um die Schlafgesundheit beziehungsweise die Förderung des guten Schlafes. Nicht alle Vorträge boten die inhaltliche Tiefe, die man sich gewünscht hätte. Ein Unternehmen wie Ikea beispielsweise darf einem Fachpublikum schon etwas mehr bieten als Wohlfühl-PR in eigener Sache. Trotzdem bietet das Vortragsareal einen Mehrwert, der den Weg nach Frankfurt allemal rechtfertigt.

Nachhaltigkeit auf allen Ebenen

Und dann war da noch das Mega-Thema Nachhaltigkeit. An ihm führte wirklich kein Weg vorbei, zumal auf Produkt-Ebene an den Ständen, wo sich die Hersteller intensiv auf die Anforderungen grüner Produkte und einer entsprechenden Vermarktung eingestellt haben. Aber auch Angebote wie die Green Tours und das Green Village erfeuten sich großer Nachfrage. Das Ausstellerverzeichnis für nachhaltig arbeitende Produzenten (Green Directory), mittlerweile zum zehnten mal im Pocket-Format aufgelegt, umfasste mit 259 Unternehmen so viele Vordenker und Neuzugänge wie nie zuvor. Ebenso erfreute sich das "Green Village" über Zuwächse. Im Nachhaltigkeitsareal der Halle 12 stellten sich erneut anerkannte Zertifizierer und Siegelgeber vor. Neu dabei war das im September lancierte Textilsiegel der Bundesregierung "Grüner Knopf" sowie das United Nations Office for Partnerships, das auf der Heimtextil die weltweiten "Sustainable Development Goals" präsentierte.

Das zeigt, wie hoch angesiedelt das Thema Nachhaltigkeit nicht nur politisch und gesellschaftlich ist, sondern auch bei den Messe-Verantwortlichen. Lucie Brigham, Chief of Office des United Nations Office for Partnerships, war Ehrengast bei der Eröffnungspressekonferenz der Heimtextil. Die UN-Abteilung hatte Branchenteilnehmer zum intensiven Dialog eingeladen. "Das Feedback auf unserem Stand und die Gespräche waren außergewöhnlich. Wir freuen uns über die Möglichkeit, gemeinsam mit der Messe Frankfurt und der Conscious Fashion Campaign ein breites und professionelles Publikum zu erreichen und die Aufmerksamkeit für die Ziele und deren Unterstützung zu steigern", betonte Brigham.

Ob Start-up oder Traditionsunternehmen - an umweltschonenden Materialien und Produktionsverfahren kommt kein Hersteller mehr vorbei. Auch große Namen legten in Frankfurt Wert auf Textilien aus zertifizierten Materialien und vermeiden zunehmend Plastikverpackungen. So präsentierte Matheis mit seiner Marke Schlafgut beispielsweise eine Zero-Waste-Verpackung aus 100 % Rest- und Altpapier, die auch noch gut aussah - für ein Produkt wie Spannbettücher. Ein spannendes Konzept, das mit einem stylishen Ladenbau hinterlegt wurde und zeigte, wie Öko-Themen zeitgemäß umgesetzt werden können. Zu den Vorreitern in puncto Kreislaufwirtschaft zählte auf der Messe das Krefelder Unternehmen Deco Design Fürus mit der Marke OceanSafe. "Die Heimtextil 2020 war für uns eine außerordentlich erfolgreiche Messe. In den vielen Gesprächen, die wir hier führen konnten, hat sich ganz klar gezeigt: Unsere Kunden können inzwischen sehr gut zwischen Greenwashing und Cradle-to- Cradle-Kreislaufwirtschaft unterscheiden", bilanzierte CEO Manuel Schweizer.

Glänzende Jubiläums-Feier

Zum Jubiläum der 50. Heimtextil-Ausgabe setzte die Messe auf einer Showcase-Fläche in der Halle 9 Design-Klassiker der vergangenen 50 Jahre in Szene. Unter dem Motto "Heimtextil Zeitreise - Celebrating 50 Years of Interior Design" wurden die Besucher zu einer Erinnerungstour durch fünf Jahrzehnte Heimtextil-Geschichte eingeladen, vier gestaltete Räume griffen Farben, Formen, Möbel und Designobjekte der vergangenen Dekaden auf - eine schöne Idee, der man mehr Raum gewünscht hätte, um größere Wirkung zu entfalten. Postkarten mit Messemotiven der letzten fünf Jahrzehnte waren ebenfalls ein gelungener Einfall.

Wirklich groß wurde das Messe-Jubiläum am Mittwochabend mit der zentralen Party Heimtextil at Night gefeiert. Sie ersetzte in diesem Jahr die anderen Events wie das Frankfurter Stöffsche oder die Party im Anschluss an die Verleihung des Haustex-Stars (siehe Seite 28). Die obere Ebene der Halle 11 wurde zu einer eindrucksvollen Partylocation mit einer großen Bühne, riesigen Discokugeln, Lounges und vielem mehr hergerichtet, wo mehr als 2.500 Menschen trotz der Größe in angenehmer Atmosphäre feiern konnten. Ein reibungsloses Catering und eine ausgelassene Band mit Tänzerinen und Tänzern trugen ebenfalls zur Stimmung bei, und auch die Aussteller der ersten Stunde wurden noch einmal auf der Bühne gewürdigt - von einem Messeteam, das in Abendkleid und Smoking eine wirklich glänzende Figur machte.

Da stellt sich die Frage, wie es um die Aussichten für die kommenden 50 Jahre bestellt ist. Nach der rauschenden Partynacht herrscht zwar keine Katerstimmung, und ein langfristiger Blick in die Glaskugel wäre nicht seriös. Aber die aktuellen Prognosen für die nahe Zukunft sind nicht ganz so glänzend. Laut einer aktuellen Branchenkommentierung des IFH Köln gehen die Ausgaben im Gesamtbereich Haus- und Heimtextilien weiter zurück. Befanden sich die Jahre 2015 bis 2017 noch auf Top-Niveau, sind die Umsätze binnen zweier Jahre um knapp eine Mrd. Euro abgesunken und nun wieder auf dem Niveau der schwierigen Geschäftsjahre 2008/09. Die Hintergründe für diesen Umsatzverlauf gehen vor allem auch auf den abflauenden konjunkturellen Rückenwind zurück, so das IFH. Auch wenn beispielsweise der Heimtextilverband angesichts eines wieder stärker steigenden Bruttoinlandsproduktes Zuversicht verbreitet.

Die Hoffnungen insbesondere der deutschen Industrie ruhen auf den Auslandsmärkten und dem hohen Heimtextil-Fachbesucheranteil aus dem Ausland von 75 Prozent. Die Herausforderungen des stationären Handels bzw. Fachhandels liegen angesichts der Zahlen ebenfalls auf der Hand. Gemessen an den Frequenz- und Umsatzverlusten nach dem Hitzesommer 2018, aber auch trotz des wachsenden Wettbewerbs von Onlineanbietern oder der Besucherdelle der aktuellen Messe war die Stimmung in Frankfurt klar positiv. Die Erwartungen für das laufende Jahr sind gut, bei den Gesprächen herrschte überwiegend eine optimistische Stimmung. Keine schlechten Aussichten also.

Die nächste Heimtextil findet vom 12. bis 15. Januar 2021 statt.
aus Haustex 02/20 (Wirtschaft)