ePrivacy and GPDR Cookie Consent by CookieConsent.com

Tarkett Holding GmbH

"Nachhaltigkeit ist bei Tarkett messbar"

Für den Tarkett-Konern, der täglich 1,5 Mio. m2 Bodenbeläge verkauft, ist die Kreislaufwirtschaft nach Cradle-to-Cradle "unser Polarstern", auf dessen Grundlage entschieden wird. General Manager Tilo Höbel und Sustainability Manager Swantje Kühn erklären, was diese Strategie für den
D/A/CH-Markt bedeutet.


BTH Heimtex: Sie haben im Januar 2019, vor zwölf Monaten, im Interview in BTH Heimtex verkündet, dass Sie eine Öko-Innovationsstrategie verfolgen. Was konnten Sie im vergangenen Jahr auf diesem Feld konkret im Tarkett-Sortiment bewegen?

Tilo Höbel: Zu Beginn des letzten Jahres haben wir auf der BAU das neue Produkt ID Revolution vorgestellt. Es ist der erste elastische Designbodenbelag ohne PVC, der mit dem Cradle-to-Cradle-Zertifikat in Gold ausgezeichnet ist. Im Oktober konnten wir schließlich vermelden, dass Tarkett der erste Hersteller ist, der ein so genanntes bio-attribuiertes Vinyl für eine Bodenbelagskollektion auf dem europäischen Markt einsetzen wird. Das Material heißt Biovyn und wird aus bio-attribuiertem Ethylen hergestellt, einem erneuerbaren Rohstoff, der aus Biomasse gewonnen wird, die nicht für die Lebensmittelproduktion genutzt werden kann. Biovyn ist als Ersatz für bisher genutzte fossile Rohstoffe anerkannt und spart 90 % der Treibhausgase im Vergleich zu herkömmlich hergestelltem PVC. Dabei sagen wir nicht, dass wir auf PVC verzichten wollen. Aber beides hat seine Berechtigung, und die Bedeutung der nachhaltigen Produkte steigt.

Entscheidungsgrundlage Kreislaufwirtschaft

Swantje Kühn: Unsere Unternehmensführung sagt klar, dass die Entwicklung zu echter Kreislaufwirtschaft das Thema ist, welches uns als Konzern zukunftsfähig macht. Auf dem Cradle-to-Cradle-Summit in Berlin im September 2019 ist unser CEO Fabrice Barthélemy Keynote-Speaker gewesen. Er hat das Cradle-to-Cradle-Konzept als unseren "Polarstern" bezeichnet, an dem wir uns ausrichten und auf dessen Grundlage wir Entscheidungen treffen. Das ist schon eine Aussage für einen Konzern, der pro Tag im Schnitt 1,5 Mio. m2 Bodenbeläge verkauft.

Höbel: Mit Frau Kühn haben wir jetzt auch eine Person in der D/A/CH-Organisation, die als Sustainability Managerin Ansprechpartnerin für das Thema Nachhaltigkeit ist. Wir organisieren oder beteiligen uns an vielen Veranstaltungen, um das Thema intern und extern in der Kommunikation voranzutreiben. Somit sind wir im Dialog mit unseren Kunden, Planern und dem Handel.

BTH Heimtex: Da wir gerade beim Thema sind: Wurden denn die versprochenen 5.085 Bäume gepflanzt? Sie hatten ja auf der BAU angekündigt, für jede auf dem Stand abgegebene Visitenkarte einen Baum zu pflanzen über die Organisation "I plant a tree".

Neuer energieeffizienter Firmensitz

Höbel: Alle Bäume wurden gepflanzt und zwar in Deutschland. Die letzte Pflanzaktion hat im Dezember 2019 stattgefunden.

Um auf die Sichtbarkeit und Messbarkeit unserer Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit zurückzukommen: Dazu gehört auch der Umzug von Tarkett Deutschland mit allen rund 85 Mitarbeitern von Frankenthal nach Ludwigshafen in diesem Jahr. Wir beziehen dort das energieeffizienteste Gebäude in Rheinland-Pfalz. Damit wollen wir auch architektonisch neue, nachhaltige Wege gehen und zeigen, dass Tarkett in Bewegung ist, um sich für die Zukunft zu positionieren. Sie sehen also: Wir realisieren eine Fülle an Maßnahmen und leisten deutlich mehr als viele andere Hersteller beim Thema Nachhaltigkeit, um auf dem Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft weiterhin eine führende Rolle zu behalten.

BTH Heimtex: Wieso sind Sie führend?

Kühn: Wir bringen nicht nur nachhaltige Produkte auf den Markt, sondern veröffentlichen seit 2013 einen Nachhaltigskeits- beziehungsweise CSR-Report, in dem wir unsere nachhaltige Geschäftstätigkeit sowie unsere Öko-Innovationsstrategie messbar machen und belegen können. Das zeigt, dass wir Nachhaltigkeit leben und konkret umsetzen. Zwei Beispiele: 67 % unserer Werke haben jetzt schon geschlossene Wasserkreisläufe oder brauchen gar kein Wasser mehr. Das Ziel ist, 2020 auf 100 % zu kommen. Und: Von 2010 bis 2018 wurden im Rahmen von Restart, unserem Programm zur Wiederverwertung von Bodenbelägen in Europa und Nordamerika, 102.000 t Bodenbeläge gesammelt (siehe auch Kasten Seite 54).
Sortenreine Sammlung
muss verbessert werden

BTH Heimtex: Recycling und Wiederverwendung ausgedienter Böden sowie von Verschnittresten und Produktionsabfällen sind wichtige Elemente von Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Wie können Ihre Kunden und Partner hier aktiv mitmachen?

Höbel: Die teilnehmenden Verleger stellen Altbeläge und Verschnitt sortiert für die Rückführung bereit. Viele organisieren das bereits gut; die sortenreine Trennung ist aber immer noch eine große Herausforderung besonders auf großen Baustellen.

Kühn: Es geht auch um die Akzeptanz auf der Baustelle. Wir sind dabei, mehr Partner und Kunden zu finden, die an dem Thema selbst interessiert sind. Wir arbeiten bereits mit Mustermachern zusammen, die ihre Verschnittreste an uns zurückführen, und auch mit Großhändlern kooperieren wir bereits bei dem Thema.

AgPR ist Partner bei PVC-Böden

BTH Heimtex: Grün und nachhaltig finden ja die meisten gut. Wenn es aber daran geht, dafür selbst etwas zu tun oder zu bezahlen, sind viele dann nicht mehr dabei. Welche Anreize schaffen Sie Ihren Partnern und Kunden, Verlegereste und Altbeläge zu sammeln?
Höbel: Der Verleger muss für die normale Entsorgung der Beläge Geld bezahlen. Wir haben unseren Rücknahmeprozess neu definiert, so dass es für ihn im Gesamtpaket ein Vorteil ist. Er hat weniger Kosten und definitiv einen Vorteil, dass wir den Prozess inklusive der Abholung organisieren. Für PVC-Beläge arbeitet Tarkett schon länger mit der AgPR (Arbeitsgemeinschaft PVC-Bodenbelag Recycling, Anm. d. Red.) in Troisdorf zusammen, die in ihrer Anlage auch verklebte Böden zurücknehmen kann. Wir führen derzeit ein Pilotprojekt durch mit dem Ziel, dass Tarkett in Zukunft auch verklebte Produkte recyceln kann.

15 Mio. EUR-Invest in neue Anlage

Kühn: Bei Teppichfliesen unter der Marke Desso sind wir schon einen Schritt weiter. Im November 2019 haben wir eine neue Anlage in unserem Recyclingcenter im Teppichfliesen-Werk im niederländischen Waalwijk eingeweiht (siehe Kasten Seite 56). Dort können wir gesammelte, ausgediente Teppichfliesen komplett und sortenrein in die beiden Hauptbestandteile - den Pol aus Polyamid 6 und die Rückenkonstruktion - trennen. Tarkett hat rund 15 Mio. EUR in eine Reihe von Initiativen investiert, die darauf abzielen, den Wertstoffkreislauf für Teppichfliesen in Europa zu schließen. Wir gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Desso-Teppichfliesen zurückgeführt werden, weil wir jetzt über das neue Verfahren und ausreichend eigene Recycling-Kapazitäten verfügen. Das ist nämlich Grundvoraussetzung dafür, auch größere Mengen unserer nachhaltigen Produkten ohne Qualitätsverluste in einen sinnvollen Materialkreislauf zu bringen.

Nehmen Sie beispielsweise unsere Teppichfliese Stratos, ein gut platziertes und preislich attraktives Bestseller-Produkt, auf das unsere Kunden setzen und vertrauen. Früher hatte es einen Bitumen-Rücken; jetzt produzieren wir Stratos im Standard mit unserem nachhaltigen und komplett recycelbaren Rücken Ecobase, den wir dank der Investitionen in Waalwijk auch komplett und im Sinne einer echten Kreislaufwirtschaft gemäß Cradle-to-Cradle recyceln und für neue Produkte verwenden können.

Bis alle am Bau Beteiligten das verinnerlicht und in ihre Arbeitsabläufe integriert haben, wird es zwar noch dauern. Wir haben aber die ersten Schritte gemacht und viel Geld investiert. Das ist ein wichtiges Signal.

Konz wird
CV-Kompetenzstandort

BTH Heimtex: Neben Waalwijk betreibt Tarkett zahlreiche Produktionsstätten in Europa und weltweit. Der Konzern hat angekündigt, die beiden PVC-Standorte in Konz und Clerveaux neu zu organisieren. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Höbel: Der Gesamtmarkt für Bodenbeläge ist volatil und schwierig. Tarkett hat es trotzdem geschafft, sich gut zu positionieren. Der Konzern hat auch im dritten Quartal ein weltweites Wachstum erzielt und ist ein verlässlicher starker Partner in einem unsicheren Umfeld. Das liegt auch daran, dass wir bestrebt sind, uns ständig zu verändern, um uns zu verbessern. Wir haben in unterschiedlichen Bereichen viele Maßnahmen ergriffen, um die Produktivität und den Service zu verbessern. In diesem Zusammenhang ist uns ganz wichtig, unsere Produktion in Europa weiter deutlich auszubauen.

Wir haben uns demzufolge entschieden, Clerveaux zum Kompetenzzentrum für die Entwicklung und die Produktion von LVT zu machen. Dort produzieren wir auch mit unserer Digitaldruckanlage, mit deren Designs wir uns erfolgreich im Markt differenzieren, und mit der wir in Zukunft viele weitere neue Produkte platzieren werden. Gleichzeitig wird auch der zweite Produktionsstandort für Designbeläge im polnischen Jaslo kontinuierlich ausgebaut.

Konz hingegen wird Kompetenzzentrum für CV. Diese Fokussierung ist sinnvoll und nachhaltig, weil wir Produktionsüberlappungen reduzieren und Produktivitätsvorteile erzielen. Außerdem werden wir schneller und können noch flexibler auf Kundenwünsche reagieren.

Konz hat gerade mit der neuen CV-Kollektion bewiesen, dass das Werk der ideale Standort für CV ist. Mit der neuen sehr ansprechenden Kollektion wurden wieder viele Verbesserungen umgesetzt, die man den Produkten auch ansieht, zum Beispiel die matten Designs, auf die es bereits sehr gute Rückmeldungen von unseren Kunden gegeben hat.

BTH Heimtex: Die Designbeläge, die Sie in der D/A/CH-Region verkaufen, kommen die hauptsächlich aus Europa?
Höbel: Das ist richtig. Die Produkte kommen hauptsächlich aus Europa. Es gibt noch einen kleinen Anteil, der aus Asien kommt, aber dieser Anteil wird immer geringer.

Schwieriges Jahr in D/A/CH

BTH Heimtex: Sie sprachen bereits die weltweite Umsatzentwicklung im dritten Quartal 2019 an. Zur Geschäftsentwicklung in Deutschland heißt es im Konzernbericht, dass die Umsätze im dritten Quartal deutlich unter dem Vorjahreswert gelegen hätten, was mit einer allgemeinen Verlangsamung der Renovierungs- und Neubautätigkeit begründet wird. Gibt es noch andere Gründe?

Höbel: Man muss das differenziert betrachten. Wir haben Sortimentsbereiche, die unter dem Vorjahr liegen, und andere, die gewachsen sind. Dann gibt es einige Sondereffekte wie beispielsweise die zum Jahresende ausgelaufene CV-Kollektion. Aber es ist richtig, dass wir nicht mit jedem Bereich zufrieden sind. Wir haben bereits in den betreffenden Sortimenten Maßnahmen ergriffen, die der Entwicklung entgegenwirken.

BTH Heimtex: Kommen wir zur vertrieblichen Umsetzung. Tarkett verfolgt seit einigen Jahren den "Multiproduct offering"-Ansatz. Sind Sie damit erfolgreich in der D/A/CH-Region?

Breit und tief im Markt

Höbel: Wir positionieren uns nicht als Anbieter mit vielen Produkten in vielen Segmenten, sondern als Spezialist in jedem Segment, der Lösungsansätze bietet, die über das Produkt hinausgehen. Das können wir in einem Maße, zu dem die wenigsten Wettbewerber im Markt in der Lage sind, weil wir die langjährige Kompetenz in der Produktion, der Entwicklung, im Design und im Vertrieb haben. Wir kennen die Bedürfnisse unserer Kunden in den Segmenten, weil wir zielgruppenorientiert positioniert sind. Ein Beispiel ist das Segment Büro, welches bei uns Workplace heißt. Dort bieten wir beispielsweise mit dem Konzept Fusion ein kombiniertes Sortiment aus Teppichfliesen unserer Marke Desso und Designbelägen von Tarkett an.

Und unsere Mannschaft, die sowohl aus erfahrenen als auch aus jungen Kollegen besteht, hat es geschafft, diesen Ansatz auch 2019 weiterzuentwickeln, obwohl es ein herausforderndes Jahr war. Darauf bin ich sehr stolz. Wir haben ein starkes, gut positioniertes Team, das auch in schwierigen Zeiten in der Lage ist, die Partnerschaften im Markt so zu gestalten, dass unsere Kunden erfolgreich sind.
Das Gespräch führte Jochen Lange. | jochen.lange@snfachpresse.de


Nachhaltigkeit bei Tarkett in Zahlen im Geschäftsjahr 2018
Bodenbeläge - 102.000 t
Bodenbeläge wurden in Europa und Nordamerika zwischen 2010 und 2018 gesammelt.

Energie - 28 %
der verbrauchten Energie stammen aus erneuerbaren Quellen.

Innenraumluft - 97 %
der Bodenbeläge weisen einen Gehalt an flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) auf, der deutlich unter den strengsten Normen liegt.

Recycling - 10 %
des Volumens der eingekauften Rohstoffe sind recycelte Materialien, das entspricht 134.000 t.

Rohstoffe I - 98 %
der verwendeten Rohstoffe (mehr als 3.000 Materialien) werden nach den Cradle to Cradle-Kriterien extern überprüft.

Rohstoffe II - 70 %
der verwendeten Rohstoffe tragen nicht zur Ressourcenverknappung bei, da sie in der Natur reichlich vorhanden beziehungsweise erneuerbar sind oder recycelt werden.

Soziales Engagement - 1.300
Tarkett ermutigt alle Mitarbeiter, pro Jahr bis zu zwei Tage ihrer Arbeitszeit für wohltätige Zwecke zu verwenden. Im Jahr 2018 waren 1.300 Mitarbeiter an 170 Initiativen beteiligt und mehr als 800.000 EUR wurden für Gemeinschaftsprojekte bereitgestellt.

Treibhausemissionen - 8,5 %
Die Treibhausgasemissionen in kg CO2 pro Quadratmeter des hergestellten Produkts konnten zwischen 2010 und 2018 um 8,5 % reduziert werden.

Investoren - 50
Tarkett wird im Global Challenges Index (GCX) gehandelt. Der Aktienindex umfasst 50 internationale Unternehmen, die nachhaltig handeln und sich der Bewältigung von sieben globalen Herausforderungen widmen wie beispielsweise dem Klimawandel oder der Bevölkerungsentwicklung.
aus BTH Heimtex 01/20 (Wirtschaft)