Domotex-Interview des Monats

Ein frischer Wind geht durch die Domotex

Die Teppichbranche verändert sich, und die Leitmesse Domotex verändert sich mit ihr - das muss sie auch. Vor zwei Jahren wurde die Veranstaltung grundlegend umstrukturiert. Nach der letzten Domotex hat sich das neue Leitungsteam intensiv und extensiv der Diskussion geöffnet, ist offen, selbstkritisch und handlungsorientiert in den Austausch mit den Ausstellern gegangen. Jetzt folgen den Worten Taten: Die handgefertigten Teppiche werden wieder zusammengelegt. Carpet! Magazine sprach mit Sonia Wedell-Castellano (Projektleitung) und Dagmar Wolf (Marketing) über Erkenntnisse und Konsequenzen, die sich aus den Gesprächen ergeben haben. Die Kernthemen dabei: Hallenstruktur, Wohlfühlatmosphäre und Besucheransprache/Marketing.


Carpet!: Frau Wedell-Castellano, als Projektleiterin sind Sie inzwischen mehr als die berühmten 100 Tage im Amt und haben sich nach der diesjährigen Veranstaltung sehr umfangreich mit den Ausstellern ausgetauscht. Ein guter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz. Wie haben Sie die Domotex bisher erlebt; wo sehen Sie Stärken, wo Verbesserungsmöglichkeiten?

Sonia Wedell-Castellano: Die Domotex ist die weltweit größte Bodenbelagsmesse und nach der Hannover Messe die zweitgrößte Veranstaltung der Deutschen Messe. Ihre Stärken sehe ich insbesondere bei den abgepassten Teppichen; in diesem Bereich bietet die Domotex einen nahezu vollständigen internationalen Marktüberblick. Der Großteil der Player ist da und hat uns signalisiert, wie wichtig eine jährliche Plattform für die Branche ist.

Als ich hier angefangen habe, musste ich allerdings feststellen, dass einige Marktteilnehmer die Domotex derzeit nicht nutzen, vor allem aus den Bereichen Parkett, Laminat und LVT. Es mussten neue Konzepte her. Im Jahr 2018 wurde mit der Umstrukturierung ein deutlicher Schritt unternommen, die Domotex zu modernisieren. Der hat zum Teil gut funktioniert, aber es gibt auch noch Optimierungsbedarf.

Die handgefertigten Teppiche
rücken wieder zusammen

Carpet!: Kritisiert wurde beispielsweise die Verteilung der handgefertigten Teppiche auf weit auseinanderliegende Hallen: Die traditionellen handgefertigten Teppiche fand man in Halle 2, während die hochwertigen Designerteppiche in den Hallen 9 und zum Teil 8 untergebracht waren.

Sonia Wedell-Castellano: Unser ursprünglicher Plan bestand darin, die Halle 9 als Ankerhalle für das Premiumsegment aller Produktschwerpunkte und als Schaufenster für zukünftige Trends einzuführen. Leider wurde das so nicht angenommen. Uns ist auch bewusst geworden, woran das liegt: Wir haben nicht eine homogene Domotex, sondern im Grunde genommen zwei Messen. Auf der einen Seite haben wir die Anbieter abgepasster Teppiche. Und auf der anderen Seite haben wir die Bodenbelagsanbieter mit Teppichboden, Parkett, Laminat, LVT sowie die Anbieter aus dem Bereich Anwende- und Verlegetechnik. Und alle Ausstellergruppen haben ganz unterschiedliche Ansprüche und Besucherzielgruppen: Die Besucher der Teppichhallen kommen im Kern aus dem Einzelhandel, die Besucher der Bodenbelagshallen auch stark aus dem Handwerk sowie aus dem Bereich Designer und Architekten. Aufgrund der zu geringen Schnittmengen ging unser Konzept für eine produktübergreifende Trendhalle leider nicht zu 100% auf.

Dagmar Wolf: Dazu kommt, dass die meisten Besucher, gerade die kleineren Facheinzelhändler, gezielt in die Hallen gehen, die für sie wichtig sind - für lange Rundgänge oder das "Sich-treiben-Lassen" fehlt ihnen die Zeit. Wir waren anfangs noch davon ausgegangen, dass sich alle Teppichinteressierten auch den gesamten Teppichbereich anschauen, dass sie also ganz automatisch sowohl Halle 2 als auch Halle 9 besuchen. Weil das aber nicht den Tatsachen entspricht, haben wir uns entschieden, die Besucher dort abzuholen, wo sie ohnehin hingehen.

Carpet!: Heißt das, dass Sie die Hallenstruktur ändern werden?

Sonia Wedell-Castellano: Ja, und zwar schon 2020. Im Rahmen der Diskussionsrunden, etwa dem Carpet! Magazine Round Table, ist uns noch mal sehr deutlich geworden, dass der dringende Wunsch besteht, die handgefertigten Teppiche wieder zusammenzuführen. Das haben wir uns sehr zu Herzen genommen. Ich höre gern auf meine Aussteller, die ja meine Kunden sind: Niemand kann mir ein besserer Berater sein als meine Kunden selbst.

Carpet!: Was bedeutet das konkret für die Belegung der Teppichhallen?

Sonia Wedell-Castellano: Die Halle 2 mit den traditionellen handgefertigten Teppichen bleibt, wie sie ist. Und die Premium-Anbieter ziehen um - aus den Hallen 8 und 9 in die Halle 3. Auch die Carpet Design Awards sollen 2020 in der Halle 3 verliehen werden. Damit sind alle Anbieter handgefertigter Teppiche am Eingang Nord untergebracht, dem am stärksten frequentierten Messe-Eingang. Die Maschinenweb-Hallen 5, 6 und 7 bleiben, wie sie sind. Der neue Standort für die Anbieter aus den Ursprungsländern, die zum Teil unter dem Dach des CEPC auf der Domotex ausstellen, ist derzeit noch im Gespräch.

Carpet!: Das ist ja eine gewaltige Veränderung, die vor einigen Monaten kaum denkbar schien.

Sonia Wedell-Castellano: Natürlich ist der erneute Umbau für uns mit Aufwand und Kosten verbunden. Aber das ist es uns wert. Denn es ist uns wichtig, dass unsere Kunden, die Aussteller, zufrieden sind. Dass sie einen Nutzen in der Messe sehen und weiter gern teilnehmen. Die "Framing Trends" bleiben auch im 3. Jahr bestehen.

Das Produkt wieder stärker
in den Fokus rücken

Dagmar Wolf: Aber auch dort wollen wir einiges ändern: Die Präsentationen sollen im wahrsten Sinne des Wortes "bodenständiger" werden, greifbarer. Und sich damit nicht nur an Designer und Architekten wenden, sondern vor allem auch an den Handel und das Handwerk. Wir wollen die Balance zwischen kreativer Inspiration und konkreten Vorschlägen herstellen, sprich: Wir wollen 2020 auch konkrete Rauminszenierungen mit Teppich und Bodenbelägen zeigen. Diese Raumkonzepte sollen die Besucher inspirieren und neue Impulse für die eigene Produktpräsentation liefern. Damit wollen wir Präsentationen für das Objektgeschäft einführen, beispielsweise zu den Themen Hospitality und Akustik. Das Moodboard wird zum Moodroom.

Carpet!: Das Produkt rückt bei den Framing Trends also wieder stärker in den Fokus; bisher waren die Inszenierungen ja eher künstlerisch-intellektuell. Dabei wäre es natürlich interessant, die Produkte der teilnehmenden Aussteller zu integrieren.

Sonia Wedell-Castellano: Genau das ist unser Plan. Wir werden die Aussteller ansprechen, ob sie auf diesem Weg einen Teil ihres Angebots inszenieren lassen wollen. Wenn ja, bringt unsere Agentur Schmidhuber die interessierten Anbieter mit passenden Designern zusammen, und gemeinsam wird eine Präsentation entworfen. Unser Service besteht dann darin, die Verbindung herzustellen.

Dagmar Wolf: Überhaupt ist es unser Anliegen, inhaltlich noch stärker mit den Ausstellern zu kooperieren, ihre Ideen aufzugreifen und zu unterstützen. Das geht aber nur mit dem Input der Aussteller, die ja die eigentlichen Inhalte der Messe liefern. Wir bieten die Fläche und die Infrastruktur - und knüpfen entsprechende Verbindungen, wenn wir wissen, was es konkret zu verbinden gilt. Also freuen wir uns sehr über Anregungen, jede Art von Content, die unsere Kunden uns zukommen lassen. Damit wir zusammen die Messe noch ansprechender gestalten können, gerade auch für unsere Besucher. Davon profitieren wir letztlich alle.

Carpet!: Das Thema Verknüpfen, also Matchmaking, wird für Sie also immer wichtiger.

Sonia Wedell-Castellano: Auf jeden Fall, denn die gezielte Begegenung zwischen Menschen ist ja der wichtigste Pluspunkt einer Messe, insbesondere in einer immer digitaler werdenden Welt, in der sich Kunden viele Informationen bereits online besorgen können. Aber letzten Endes werden Geschäfte zwischen Menschen gemacht. Und damit sich Anbieter und Nachfrager nicht nur suchen, sondern auch gezielt finden, braucht es eben dieses Matchmaking. Hinzu kommt, dass es heute auf einer Messe nicht mehr ausreicht, eine Vielzahl an Produkten auf dem eigenen Stand zu präsentieren - eine Messe muss inspirieren und Innovationen aufzeigen, sie muss informieren und einfach auch Spaß machen! Da spielt das Drumherum eine große Rolle, die Infrastruktur in den Hallen, ebenso wie unterschiedlichste Services für Besucher und Aussteller. Hier haben wir uns als Veranstalter viele kleine Verbesserungen überlegt, die zur Wohlfühlatmosphäre beitragen. Und natürlich freuen wir uns, wenn unsere Aussteller das Leitthema Atmysphere auch in ihrer Standpräsentation spielen werden. Wir sind hier im engen Austausch mit den Ausstellern, beraten sie, was sie ihrerseits tun können und an welchen Stellen wir unterstützen werden. Unser Ziel ist es, dass passend zu unserem neuen Leitthema die gesamte Domotex in Sachen Optik und Atmosphäre überzeugt.

Gezielt auch den gehobenen
Facheinzelhandel ansprechen

Carpet!: Damit schaffen Sie also gute Rahmenbedingungen für die Besucher. Die Aussteller wiederum wünschen sich vor allem neue Besuchergruppen und damit neue potenzielle Kunden. Was sind Ihre Pläne für Besucheransprache und Messe-Marketing?

Dagmar Wolf: Nachdem wir unsere Besucheransprache schon letztes Jahr ausdifferenziert und zielgruppenspezifisch ausgespielt und uns auf unterschiedliche Weise an Handel, Handwerk und Architekten gewandt hatten, wollen wir unser Marketing noch feingliedriger auffächern und auf die Persona-Ebene gehen.

Also haben wir beispielsweise den Handel weiter unterteilt in die Bereiche Großhandel - Facheinzelhandel - gehobener Facheinzelhandel. Insbesondere den gehobenen Facheinzelhandel wollen wir noch mal ganz gezielt mit einer Extrakampagne ansprechen. In den Diskussionsrunden haben sich viele Aussteller vor allem mehr Besucher aus diesem Bereich gewünscht. Die Einkäufer der großen Ketten sind schon da, und trotz der Konzentration am Markt ist deren Einkaufsvolumen gleichgeblieben. Das zeigen die Ergebnisse unserer Befragungen. Auch nach den unterschiedlichen Segmenten wollen wir differenzieren, also etwa den Teppichhandel und den Holzhandel unterschiedlich ansprechen. Und dann eben noch mal nach unterschiedlichen Zielgruppen innerhalb dieser Bereiche. Über ausgewählte Partnerschaften national und international sowie unterjährige Präsenz auf verschiedenen Branchenevents werden wir zudem gezielt unsere Reichweiten verlängern. Last but not least prüfen wir auch immer, wie wir über digitale Maßnahmen neue Besucher für die Domotex gewinnen können. Erste Ansätze, die bereits zur Domotex 2019 liefen, werden wir weiter ausbauen.

Carpet!: Gibt es dann auch ein spezielles erweitertes Angebot an Sonderveranstaltungen für den kleinen Facheinzelhandel?

Dagmar Wolf: Ja, da haben wir beispielsweise auf den Sonderschauflächen einiges geplant. Unter der Überschrift "Domotex Digital" soll es um digitale Präsentationsmethoden im Handel gehen, um Vermarktung über Online-Kanäle und um die hochaktuelle BIM-Thematik (Building Information Modelling): Methoden der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mithilfe von Software. Die themenspezifischen Sessions und Vorträge wenden sich dann auch gezielt an kleinere Einzelhändler. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Thema Nachwuchs. Das betrifft Handel wie Handwerk und alle Unternehmensgrößen.

Carpet!: Frau Castellano, worauf freuen Sie sich zur Domotex 2020 am meisten?

Sonia Castellano: In den Gesprächen mit unseren Ausstellern in den letzten Wochen und Monaten haben wir positive Resonanz auf unser neues Leitthema Atmysphere erhalten. Da wir darunter sehr unterschiedliche Bereiche wie Wellbeing, Green Living, aber auch Sustainability und Outdoor verstehen, können sich nahezu alle Aussteller mit ihren Produkten mit dem Leitthema identifizieren. Am meisten freue ich mich, wenn sich Atmysphere auch auf den einzelnen Ständen widerspiegelt und sich damit das Leitthema wie ein roter Faden durch die gesamte Domotex 2020 zieht.•
aus Carpet! 03/19 (Wirtschaft)