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Domotex + Bau 2019: Fußbodentechnik+Zubehör

Individualisierte contra universelle Neuheiten


Was braucht der Kunde von heute? Antworten auf diese Frage gab es auf den Messen Domotex und BAU: einerseits individualisierte Neuheiten, andererseits universelle. Auf der einen Seite der Highend-Kunde mit hohem Anspruch auf Unikate, auf der anderen Seite werkstattlose Handwerker mit dem Wunsch nach wenigen Produkten für eine Vielzahl von Anwendungen. Für das Geschäftsfeld Fußbodentechnik +Zubehör fällt unser Fazit positiv aus: Es gab im Vergleich zu den Vorjahren vielleicht etwas weniger bahnbrechende Neuheiten - weil diese nicht mehr zwingend zu den Leitmessen eingeführt werden - aber ein Blick auf die Details lohnt sich allemal. | Christian Harder und Dr. Marc Sgonina berichten über das Messegeschehen bei Fußbodentechnik und Zubehör

Was darf’s denn sein? Maßanzug oder von der Stange? Auf den Messen Domotex und BAU zeigten sich zwei gegenläufige Trends bei den Neuheiten: Auf der einen Seite werden Produkte immer mehr auf den individuellen Geschmack von Kunden zugeschnitten. Motto: Mein Produkt ist ein Unikat und damit etwas ganz Besonderes. Schon seit vielen Jahren können sich Endverbraucher im Bau- und Fachmarkt ihren Farbton für Wandfarben anmischen lassen. Jetzt schwappt dieser Individualisierungstrend in unterschiedlichen Ausprägungen auch in die Fußbodenbranche. Die PCI-Gruppe stellte auf der BAU die Möglichkeit vor, Fugenfarben mit Hilfe des digitalen Geräts Colorcatch Nano in Verbindung mit der App Multicolor individuell auf keramische Fliesen abzustimmen und anzumischen. Die Zielgruppe sind anspruchsvolle Kunden, die Wert auf Individualität legen.

Der Trend zu individuell angefertigten Produkten ist nach Aussage von Marc C. Köppe, Vorsitzender der Geschäftsführung der PCI-Gruppe, ein Megatrend. Dieser zeigte sich auch wieder bei digital bedruckten Bodenbelägen sowie Profilen und Leisten. Noch ist es allerdings so, dass die Industrie für den Kunden in der Regel eine Vorauswahl trifft. Anders jedoch in diesem Fall: Selit punktet mit digital direkt bedruckten Sockelleisten aus Polystyrol, die in Länge, Dekor und Oberfläche individuell gefertigt werden. Zielgruppe sind in diesem Fall die Großfläche und Bodenbelagshersteller. Die Sockelleisten können das Dekor des Belags exakt kopieren, weil das Design des Belags gescannt wird. Ist die Bodenbelagsindustrie beteiligt, kann alternativ die Original-Muster-Datei genutzt werden, um wirklich exakt dekorgleiche Sockelleisten zu produzieren.

Besonders in der Parkettherstellung und der nachträglichen Oberflächenveredlung sind individuelle Hölzer schon länger ein Thema: Der Kunde kann sich besonders bei kleineren Anbietern Sortierung, Oberflächenbehandlung und Parkett-Format aussuchen, muss aber dafür häufig den Faktor Wartezeit hinnehmen.

Ein Produkt für (möglichst) alles

Völlig anders sind die Bedürfnisse von werkstattlosen Handwerkern, auch mobile Generalisten oder Hausmeisterservices genannt: Sie bieten vielfältige Handwerksleistungen an und benötigen darum universelle Verlegewerkstoffe, um ein großes Spektrum abdecken zu können. In diesem Fall steht die Funktionalität und Vielseitigkeit der Produkte im Vordergrund. Ein Beispiel: Der Kleber Okamul Ki Fix von Kiesel Bauchemie für viele Bodenbelagsarten. Mit Linoleum, Kork-, Gummi-, LVT- und PVC-Belägen klebt er eine große Bandbreite. Gleiches gilt für den Universalkleber Mapei 4 Evolution, der sogar sämtliche Boden- und Wandbeläge klebt. Thomsit hat mit dem UK 840 ebenfalls einen universellen Belagskleber für alle textilen und elastischen Beläge vorgestellt.

Dass sich die herstellende Industrie Gedanken über die Anzahl der zu lagernden Rohstoffe macht, zeigt das Beispiel des jungen Anbieters von mineralischen Beschichtungen und Spachtelmassen, Velosit - Aussteller auf der BAU. Ganz bewusst hat sich Velosit-Geschäftsführer Dr. Jens Hofele für ein Baukastensystem seiner Produkte entschieden, um nicht Hunderte von Rohstoffen vorhalten zu müssen. Die kleine Zahl der Rohstoffe hat er immer vorrätig, um permanent lieferfähig zu sein. Für Kunden und Anbieter ist das wohltuend, weil keine Frustration durch Wartezeit entsteht. Welcher Kunde mag schon auf seine Produkte warten?

Verlegewerkstoffe:
Alternativen für Gefahrstoffe

In der Fußbodenbranche zählen Epoxidharze nach wie vor zu den Standardprodukten, auch wenn diese von der Berufsgenossenschaft Bau kritisch gesehen werden. Die Industrie intensiviert derzeit die Suche nach Alternativen, vielleicht auch, weil ein künftiges Verbot möglich erscheint: Uzin hat mit dem Hydro Block-System eine Feuchtigkeitsabsperrung entwickelt, die ohne Epoxidharz und Polyurethan auskommt. Stattdessen setzen die Ulmer auf zwei alkalibeständige Spezialgrundierungen und eine feuchtebeständige Spachtelmasse als Systemaufbau. Der Verarbeiter kann also auf den Einsatz von Gefahrstoffen verzichten. Das Hydro Block System ist bis 5 CM-% Feuchtigkeit freigegeben, ein durchaus hoher Wert.

Wenn man derzeit die Sortimente der Verlegewerkstoffhersteller anschaut, ist eine gewisse Ähnlichkeit unübersehbar: Jeder Marktteilnehmer ist bestrebt, jedes Produkt anzubieten - ein Gebot für jeden Vollsortimenter. Beispiel: Im vergangenen Jahr ist Mapei mit LVT im Bad in die Offensive gegangen, 2019 ziehen Bostik und Sika Deutschland mit der Marke Schönox nach. Eine ähnliche Entwicklung gab es bei Silanklebstoffen zur Verklebung von elastischen Bodenbelägen (zuerst Wakol und Murexin, aktuell auch Bostik), aber auch mit der neuen Spachtelmassen-Generation mit besonders glatten Oberflächen und kurzen Trocknungszeiten (Uzin, jetzt Mapei, Bostik und Sika Deutschland). Auch in den Kundenansprachen finden sich Parallelen bei den Herstellern. So heißt der Claim bei Bostik "Eins mit dem Handwerk", bei Mapei "Freunde fürs Legen", bei Uzin "Our floor, our passion" und bei der PCI-Marke Thomsit "make it!".

Für jeden einzelnen Verlegewerkstoffhersteller bedeutet dies, dass es wichtiger wird, sich zusätzlich zur eigenen Produktrange zu positionieren. Kunden werden stärker in puncto Service, Weiterbildung, technischer Beratung an "ihre" Marke gebunden. Dem bodenverlegenden Handwerk kann es recht sein, wenn es auf anwendungstechnische Hilfestellung, Marketingangebote oder sogar rechtliche Beratungsleistungen der Industrie zurückgreifen kann.

Neuheitenpräsentation
nicht zwingend auf Leitmessen

Auffällig ist sowohl bei Bodenbelägen, aber auch bei Verlegewerkstoffen, dass die Hersteller nicht mehr unbedingt auf eine Leitmesse wie BAU oder Domotex warten, um Neuheiten in den Markt einzuführen. Ist ein Produkt oder eine Kollektion fertig, dann ist der Vertriebsdruck offenbar so groß, dass man sich den Vorteil der früheren Markeinführung unbedingt sichern möchte.

Ein Beispiel war die auf Oktober 2018 vorgezogene Linoleumkollektion von Forbo Flooring, mit der man einen Zeitvorsprung gegenüber der neuen DLW-Linokollektion von Gerflor haben wollte. Bei der neuen Spachtelmassen-Generation New-H von Sika Deutschland erfolgte die Markteinführung zwar im Januar 2018, aber unabhängig von einer Leitmessen-Präsentation. Ähnlich gelagerte Fälle gibt es auch bei LVT-Anbietern: Project Floors brachte seine Click Collection 2.0 im Herbst 2018 heraus. In diesem Fall gab es zur BAU 2019 mit dem Relaunch der Kollektionen Floors@work und Floors@home sowie den Musterverlegungen Chevron und Groutline genug weitere Themen.

Mapei-Vertriebsleiter Michael Heim hingegen legt großen Wert auf die Produkteinführung zu den Leitmessen. Er nannte einen anderen Grund für die unterjährige Markteinführung von Produkten: "Manchmal ist die mangelnde interne Prozessabstimmung zwischen Produktmanagement und Vertrieb die Ursache." Es gelingt dann nicht, den ursprünglich angepeilten Termin zu halten, sodass man gezwungen ist, einen anderen Termin als den Jahresauftakt zu akzeptieren. Besonders Anbieter, die im Großhandel gelistet sind, müssten Neuprodukte im Oktober in ihre Preislisten integrieren und im November dem Großhandel die Artikelstammdaten zur Verfügung stellen. Gelingt dieses Prozedere nicht, schaffen es diese Neuheiten auch nicht rechtzeitig zu den Leitmessen.

Profile & Sockelleisten:
Puristischer Trend ohne Zierrillen

Das Design von Profilen und Sockelleisten wird insgesamt gesehen puristischer. Zierrillen sind out, Goldtöne und Standard-Holzdekore wie Ahorn, Buche und Eiche eher rückläufig. Gefragt sind glatte Flächen mit kantigen Optiken. Dominierende Farbtöne sind silber und die verschiedenen Edelstahltöne wie matt, poliert und gebürstet. Bei Aluminiumsockelleisten gehen Einschubleisten besonders gut, die mit Streifen aus dem Designbelag bestückt sind. Diese Produkte ermöglichen so eine Dekorgleichheit zwischen Sockelleiste und Belag.

Der Trend nach mehr Individualität und objektbezogener Ausstattung zeigt sich auch bei Aluminiumsockelleisten. Die Standfardfarbe ist silber, matt eloxiert. Nachgefragt werden aber auch objektspezifische Farben wie gebürstet, geschliffen, quergeschliffen und hochglanzpoliert in den verschiedenen Eloxaltönen oder pulverbeschichteten RAL-Farben.

Profile für LVT müssen möglichst zierlich und klein sein, um die eigene Optik zurückzunehmen, sodass die Beläge selbst im Mittelpunkt stehen. Ganz anders sind die Anforderungen im Objekt: Hier müssen es große und schwere Profile sein, die in erster Linie eine hohe Belastbarkeit und Sicherheit bieten. Auch Profile und Sockelleisten bieten in diesem Fall genug Raum für zwei gegenläufige Trends.

Leistungsstarke Akkus versprechen
Unabhängigkeit auf der Baustelle

Immer mehr Hersteller bringen ihre Elektrowerkzeuge auch als Akku-Variante heraus. So präsentierte Bosch seinen neuen Winkelschleifer X-Lock mit Schnellwechselfunktion der Schleifscheibe auch als Akkugeräte. Collomix stellte sein Handrührwerk Xo 10 NC auf der Messe vor und Fein brachte das oszillierende Elektrowerkzeug Multimaster Top heraus. Auf die Spitze trieb es hingegen Flex, dessen Akkus problemlos für alle Geräte genutzt werden können. Zwar unterscheidet sich dann die Leistung der Werkzeuge, je nachdem, ob z. B. ein 2,5 Ah oder ein 5,0Ah Akku angeschlossen ist, aber die Flexibilität ist für die tägliche Arbeit hilfreich. Sogar der neue Flex-Licht-Baustrahler CL 2000 18.0 kann mit einem Akkupack aus einem Werkzeug betrieben werden.

Festool stattet seine Akkus sogar mit Bluetooth zur Fernschaltung aus. Wird beispielsweise eine Bohrmaschine gestartet, springt automatisch der Sauger an. Ein manuelles Einschalten des Saugers entfällt dank der Bluetooth-Technologie im Bohrmaschinen-Akku.

Bei der Akku-Technologie kann im Laufe des Jahres mit weiteren Innovationen gerechnet werden. Immerhin haben sich die genannten Hersteller und weitere in der im Juli 2018 gegründeten Vereinigung Cordless Alliance System (CAS-Allianz) organisiert. Sie setzen sich für ein gemeinsames Akku-System bei Elektrowerkzeugen ein. Unter der Federführung von Metabo soll sie die wichtigste Schnittstelle der Branche werden, um Handwerkern bei den aktuellen Anforderungen auf der Baustelle die passenden Lösungen anbieten zu können.

Ausbau von Bodenbelägen
braucht immer stärkere Maschinen

Klebstoffe werden immer effektiver und halten die Beläge sicher am Boden. Soll ein Objekt saniert werden, helfen in der Zwischenzeit nur hoch spezialisierte Werkzeuge beim Ausbau, wie Stripper oder Drucklufthammer. "Der Bedarf an Maschinen und Werkzeugen für den Abbruch wird immer größer, selbst für kleine Betriebe. Effektive und größere Maschinen sind für viel wirtschaftlicher", erklärte Roll-Geschäftsführer André Roll. Sein Unternehmen präsentierte auf der BAU den selbstfahrende Aufsitzstripper RO-1.1 für mittlere und große Flächen im gewerblichen Objekt. Diesem Trend folgt auch Witte mit dem Floorrider 5700 (Akku) und dem Floorrider 4230 (Kabel).

Daneben spielen handgeführte Stripper eine große Rolle. Der neue Biturbo von Wolff etwa, der mit zwei unabhängigen Motoren ausgestattet ist und auch rückwärtsfahren kann. Auch das Strato-Mobil IV von Janser ist selbstangetrieben und erreicht mit seinem Hydraulik-Direktantrieb die Power, die zur Entfernung von Belägen heute benötigt wird. Ganz anders löst das Unternehmen Vogt das Problem. Es bleibt seinem druckluftbetriebenen Vogt Hammer treu. Um den verklebten Belägen beizukommen, werden hier verschiedene Klingen aufgesetzt.
aus FussbodenTechnik 02/19 (Wirtschaft)