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Jochen Lange berichtet über textile und elastische Beläge auf Domotex und BAU

Heilsbringer Objektgeschäft

Auf Domotex und BAU zeigen sich Nachhaltigkeit, Objektgeschäft und die Konzentration in Handel und Industrie als übergeordnete Themen - sie werden das Jahr 2019 prägen.

Alle zwei Jahre im Januar, wenn die Jahreszahl ungerade ist und sowohl Domotex als auch BAU ihre Tore öffnen, erlebt man die Bodenbelagsbranche wie unter einem Brennglas. Nach einer Woche in den Messehallen in Hannover und München kristallisieren sich Themenbereiche heraus, die die Branche in dem noch jungen Jahr und auch darüber hinaus prägen, beschäftigten und in Atem halten werden.

Alle wollen in das Objekt

Der erste Trend betrifft den Objektbereich: Die Hersteller von textilen und elastischen Bodenbelägen verstärken in diesem Vertriebskanal ihre Investitionen und Anstrengungen. Sie stellen entweder zusätzliche Key Accounter für bestimmte Segmente ein - bevorzugt im Hotel- und Büromarkt -, wie z.B. Amtico. Balsan, Forbo Flooring und Tarkett. Oder sie fügen ihrer Vertriebsarbeit eine neue Facette hinzu und bauen den Objektvertrieb ganz neu auf. Beispiele sind IVC mit ihrer neuen, von der angestammten Handelsorganisation unabhängig agierenden Objekt-Mannschaft unter Uwe Leupold samt neuer Marke IVC Commercial. Auch LVT-Spezialist Designflooring lässt die einseitige Fokussierung auf Handelspartner hinter sich und arbeitet sich seit Jahresbeginn in Objektnetzwerke hinein.

Diese allgemeine Verlagerung auf das Objektgeschäft hat mit einem weiteren, übergeordneten Thema innerhalb der Branche zu tun: der Schwäche sowie der Konzentration auf Seiten des Groß- und Fachhandels. Trotz prall gefüllter Auftragsbücher von Bodenlegern, Raumausstattern und Malern - der Hauptkundengruppe des Bodenbelags- und Malergroßhandels - haben kleinere, regionale Grossisten - wenn sie nicht bereits übernommen wurden - zu kämpfen, um am Markt zu bestehen.

Aktuelles Beispiel: die Veeser-Gruppe. Die Gerüchte auf der Messe, dass Jordan große Teile des Zusammenschlusses mit Wirkung zum 1. März übernimmt, wurden Anfang Februar von der Joka-Zentrale in Kassel offiziell bestätigt.

Konzentration im Handel

Das stellt einen weiteren empfindlichen Aderlass dar. Einerseits für die Copa, deren Mitglieder die Veeser-Gruppe und ihre Tochtergesellschaften sind. Und das, nachdem seit Anfang 2019 bereits die Rigromont mit allen Mitgliedern - Ausnahme: Ruhe & Co. - der Kooperation aufgrund von Unstimmigkeiten den Rücken gekehrt hat und ausgetreten ist.

Auf der anderen Seite büßt die Großhandelslandschaft in Deutschland durch die Übernahme ein weiteres Mal Vielfalt und Wettbewerb ein. Die großen Spieler gewinnen noch einmal mehr Dominanz und Marktmacht. Der Konzentrationsprozess im Großhandel schreitet unaufhaltsam voran.

Fehlende Frequenz im Fachmarkt

Ähnlich steht es im großflächigen Fachhandel- und Fachmarktbereich. Diese Vertriebsstufe hat zudem mit einem weiteren ernstzunehmenden Problem zu kämpfen: Der sinkenden Kundenfrequenz in den Ausstellungen.

Beide Themenkomplexe im Handel - zunehmende Konzentration hier, geringe Kundenfrequenz dort- stellen auch die Lieferanten aus der Bodenbelagsindustrie vor Probleme. Eine Lösungsstrategie ist die oben beschriebene Verlagerung auf den Objektvertrieb. Und dort muss sich die Industrie dann nicht nur mit anderen Herstellern messen, sondern zunehmend mit den Objektabteilungen der großen, bundesweit tätigen Großhändler...

Multi Product-Strategie der Industrie

Auch in der Bodenbelagsindustrie nimmt der Konzentrationsprozess Fahrt auf. Sowohl die französische Gerflor-Gruppe als auch die niederländische Condor-Gruppe präsentierten sich auf ihren Messeständen in München bzw. Hannover erstmals mit ihren jüngst getätigten Zukäufen DLW-Linoleum sowie Strong-Nadelvlies und Edel.

Gerade die Akquisition durch Gerflor ist nur der vorläufige Höhepunkt einer weiteren Trendbewegung innerhalb der Bodenbelagsindustrie: Die Multi Product-Strategie. Die Verantwortlichen in Vorständen und Geschäftsführungen stellen ihre Sortimente wieder breiter auf, um Einkäufern und Projektentscheidern möglichst ein "One-Stop-Shopping" zu ermöglichen - also alle Bodenlösungen aus einer Hand von einem Ansprechpartner anbieten, der auch für Service und Abwicklung sorgt.

Marktzugänge wichtiger als Produkte

Amtico, Tarkett und Interface sind - auf unterschiedlichem Volumenniveau - gute Beispiele für diese Veränderungen auf Seiten der Industrie. Attribute wie Vertriebskompetenz, Marktzugänge, Netzwerk und Servicegrad aus dem angestammten Produktsegment (Amtico: LVT, Interface: Teppichfliese) werden erfolgreich auf ein neues Produkt (Amtico: Teppichfliese, Interface: LVT) übertragen.

IVC schickt sich seit rund anderthalb Jahren an, nach ähnlichem Muster zu verfahren - wie es scheint mit Erfolg. Auch in der Zubehör-Industrie ist dieses Phänomen zu beobachten: Ehemalige Spezialisten beispielsweise für Unterlagen, Profile und Leisten wie Repac und Ewifoam diversifizieren mit Designbelägen und haben mit der Positionierung als Anbieter von Systemlösungen Erfolg, weil sie in ihren Kundengruppen, vor allem im Handel, gut verankert sind.

Weitere Beispiele: Tufting-Spezialist Balsan ergänzt sein textiles Sortiment mit PVC-Designbelägen. Auch das schwedische Parkettschwergewicht Kährs hat sein Portfolio um LVT ergänzt. Meisterwerke hat ebenfalls dem Marktdruck nachgegeben und führt seit Anfang des Jahren erstmals einen Designbelag aus PVC.

Mega-Trend Nachhaltigkeit

Diese strategische Entscheidung führt zum dritten großen Branchenthema, das den Messen im Januar seinen Stempel aufrückte: Nachhaltigkeit. Vermeintlich ein alter Hut. Mitnichten in der Bodenbelagsbranche. Denn es läuft ein Wettstreit innerhalb der Bodenbelagsindustrie um die Deutungshoheit über den Begriff. Anders ausgedrückt: Was ist "echte" Nachhaltigkeit und was nur geschickte PR, die Nachhaltigkeit suggeriert?

"Kontrahenten" in diesem Wettstreit: PVC-frei, "Bioböden", CO-Neutralität, klimapositive Bodenbeläge, Cradle to Cradle-Zertifizierungen, Ausgleichsmaßnahmen z.B. über Baumpflanzaktionen, Blauer Engel, recycelbare und wiederverwertete Materialien - um nur einige Themen und Schlagwörter zu nennen, die in den Messehallen bespielt wurden. Am Ende wird es die ausschreibende Stelle, der Einkäufer, der Handwerker und der Endverbraucher entscheiden müssen, welche echte oder vermeintliche Facette von Nachhaltigkeit die Kaufentscheidung beeinflusst.

Dass Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Abfallvermeidung Konsum und Geschäftstätigkeit zukünftig stärker beeinflussen werden, bezweifelt niemand mehr in der Branche. Es hat Gründe, warum die wichtigen Herstellerverbände wie FEB und MMFA sich u.a. auf Pressekonferenzen während der Domotex öffentlich mit dem Thema Kreislaufwirtschaft beschäftigen.

PVC-frei Designbeläge weiter im Trend

Stichwort PVC-freie Designbeläge: Der MMFA beobachtet die Entwicklung dieser Produktgattung sehr genau und wies ihn auf der Presse-Konferenz als "weiter starken Trend" aus. Geschätzter aktueller Marktanteil laut Verband: 5 bis 10 % in Westeuropa.

Neben diesen wirtschaftlichen und strategischen Veränderungen zeigten die Messen in Hannover und München eine Vielzahl von neuen Kollektionen, Produkten, Farben, Designs und Oberflächen.

Teppichfliese wächst

Nadelvlies, abgepasste Teppiche, Kunstrasen und natürlich Teppichfliesen erfreuen sich bei textilen Bodenbelägen nach wie vor über wachsende Nachfrage. Letztere sind in ihren Farben, Dessins und Strukturen stark von der Natur inspiriert. Immer häufiger zu sehen: Ineinander übergehende Dessins, teilweise auf ein und der selben Fliese.

Generell sind Teppichfliesen und auch Teppichboden immer häufiger mit solution-dyed Econylgarn hergestellt. Die Fliesen werden verstärk mit akustisch besonders wirksamen Rückenkonstruktionen ausgestattet, die - wie bei Object Carpet und Toucan-T - gleich ganz auf Bitumen, PVC und Latex verzichten.

Stichwort Teppichboden: Die Abwärtsspirale von Teppichboden - besonders im Handel, weniger im Objekt - hält an. Das Zeug dazu, den Abwärtstrend zu stoppen, hätte der Digitaldruck. Den Beweis tritt Ulrich Dresing seit rund anderthalb Jahren mit seinen Unternehmen Infloor und Girloon an. Die neue Hotel-Kollektion von Infloor beispielsweise zeigt eindrucksvoll, welche Farben und Designs auf Teppichboden möglich sind.

Generell nehmen sich die Sortimente gegenwärtig optisch etwas zurück, schimmern und glänzen weniger und werden stattdessen mit matterem Flor vorgestellt.

SPC-Designbeläge dynamisch

Bei Designbelägen ist kein Ende des kräftigen Wachstums in Sicht. Der MMFA beispielsweise sieht eine "gewaltige" Dynamik bei den SPC-Varianten (Solid Polymer Core) der Rigid-Designbeläge - wie sie beispielsweise Kährs und Meisterwerke neu in die Sortimente aufgenommen haben. Auch große Fachmarktketten und bundesweit tätige Grossisten listen Rigid-Ausführungen jetzt im großen Stil. "Rigid-Designbeläge erreichen neue Kundenkreise und substituieren dabei nicht das klassische Vollvinyl-Klick", schätzt Christian Lukas von Oneflor-Europe ein.

Immer häufiger zu sehen bei Designbelägen: die klassische Fischgrät-Verlegung. Zahlreiche Hersteller und Anbieter haben hier ihre Sortimente erweitert oder neu aufgestellt. Passend dazu: Das neue Verriegelungssystem für die schwimmende Verlegung von Fischgrät-Muster von der Unilin Division Technologies. Mit der Technik kann der Verleger mit nur noch einer Dielenausführung arbeiten anstatt wie bisher mit einer linken und einer rechten Diele.

Die Farben und Dekore von Designbelägen werden 2019 heller und ruhiger; gelbe, mittelbraune Töne lösen bei Planken dunkelbraune ab. Bei Fliesen dominieren Anthrazit und Grau; braune und beige Farbsortierungen werden seltener.

Domotex verschafft
keinen Marktüberblick mehr

Großes Thema in Hannover und München waren die Messen selbst. Viele von ihnen - in allen erdenklichen Branchen - kämpfen mit Besucherrückgängen. Der Domotex geht es so, besonders in den BAU-Jahren. Die Deutsche Messe vermeldete erstmals einen "leichten Besucherrückgang" (siehe Seite 51). Der Grund: Die Marktkonzentration. Der "Baumarktmanager" spricht unter Berufung auf den Veranstalter von einem Rückgang von 36.000 (2017) auf 33.000 (2019) Besucher. Und diesen haben Besucher und Aussteller in Hannover auch deutlich wahrgenommen.

Die Konsequenz: Bei textilen und elastischen Bodenbelägen, Designbelägen, Parkett-, Laminat- und Korkbelägen sowie Verlegewerkstoffen kann sich in Hannover niemand mehr einen befriedigenden Marktüberblick verschaffen. So stellte mit Infloor/Girloon nur noch ein einziger deutscher Teppichbodenhersteller auf der Domotex aus. Gleichzeitig erreichen die Aussteller immer weniger ihrer Kunden - von Neukunden-Geschäft spricht in Hannover kaum einer mehr. Die BAU ist da für Besucher und Aussteller mittlerweile die attraktivere Plattform, weil alle zwei Jahre (fast) alle in München sind. | jochen.lange@snfachpresse.de
aus BTH Heimtex 02/19 (Wirtschaft)