Lanxess: Interview des Monats mit der Anhydrit-Leitung

Staffelstab-Übergabe an Arnd Pferdehirt


Bereits seit den 1990er-Jahren hat es sich Lanxess zur Aufgabe gemacht, dass bei der Flusssäure-produktion anfallende Koppelprodukt Anhydrit (Calciumsulfat) zu einem hochwertigen Estrichbindemittel zu veredeln und zu vermarkten. Der Leiter der Anhydritsparte, Michael Witte, ist zum 1. April 2018 in den Ruhestand gegangen und hat den Staffelstab an Arnd Pferdehirt übergeben. Im Interview mit FussbodenTechnik geben beide einen Rück- und Ausblick.

Der Lanxess Calciumsulfatbinder CAB 30 zur Herstellung von konventionell verlegten Calciumsulfatestrichen und Calciumsulfat-Fließestrichen hat sich durch seinetechnischen Eigenschaften eine hohe Akzeptanz im Estrichmarkt verschafft. Neben dem Bindemittel vermarktet das Lanxess-Estrichteam eine Vielzahl von Zusatzmitteln für den Estrichleger. Fast drei Jahrzehnte hat Michael Witte (61), zuletzt als "Global Marketing Director Anhydrit", diese erfolgreiche Sparte im Geschäftsbereich Advanced Industrial Intermediates des MDAX-Konzerns geleitet. Zum ersten April ist er in den Ruhestand gegangen und hat den Staffelstab an den Estrich-erfahrenen Arnd Pferdehirt (47) übergeben.

FussbodenTechnik: Herr Witte, hätten Sie sich vorstellen können, dass Ihre Liebe zum Estrich ein ganzes Berufsleben lang währt?

Michael Witte: Nein, ganz sicher nicht. Als konstruktiver Ingenieur und Statiker habe ich zu Beginn meiner Karriere gedacht, mit Estrich beschäftigt man sich 14 Tage und dann weiß man alles. Nach 32 Jahren in dieser Branche kann ich sagen: Das war ein Trugschluss. Das weite Feld der Baustoff- und Fußbodentechnologie ist wahnsinnig spannend und nie langweilig gewesen. Es gibt unheimlich viele Spezialisten, die sich mit den Segmenten Baustoffe, Estriche und Fußböden beschäftigen - und das ist auch gut so: Denn schließlich sind Fußbodenschäden die teuersten Schäden am Bau, die es zu vermeiden gilt. Rückblickend kann ich sagen, es hat immer Spaß gemacht. Das lag sicherlich auch an dem tollen Anhydrit-Team und den angenehmen Kunden.

FT: Herr Pferdehirt, wie sieht es mit Ihrer Begeisterung für Estrich aus?

Arnd Pferdehirt: Ich habe mich schon früh für Estrich begeistert. Ich bin quasi mit den Gummistiefeln im Estrichmörtel aufgewachsen, weil mein Vater einen Estrichfachbetrieb führte und ich dort ab einem Alter von 15 Jahren mithalf. Das ist also nicht bloß Begeisterung, sondern schon eher eine Art Berufung. Ich kann daher ebenfalls auf drei Jahrzehnte Erfahrung in der Estrichbranche zurückblicken.

FT: Sie waren zehn Jahre für den Estrichanbieter Remondis in Frankreich tätig. Wenn Sie beide Märkte vergleichen, wie schätzen Sie die deutsche Technologie ein?

Pferdehirt: Wir sind im deutschsprachigen Raum in puncto Estrich- und Fußbodentechnik definitiv weltweit führend - und das sage ich nicht, weil ich Deutscher bin, sondern weil es so ist. Das hohe Niveau resultiert daraus, dass sich Fachleute hierzulande intensiv damit auseinandersetzen - und das, obwohl der Fußboden meist gar nicht so stark gewürdigt wird, wie es sein müsste. Man spricht über den sichtbaren Bodenbelag, den teuren Marmor oder die keramische Fliese, aber was ich alles für eine fachgerechte Bodenkonstruktion tun muss, gerät häufig zur Nebensache. Was trägt mein Boden? Wie kann ich meinen Boden dimensionieren? Diese Fragen stellen sich Fußbodenfachleute jeden Tag. Wir haben in Deutschland eine Richtlinie eingeführt, die besagt, dass notwendige Festigkeiten bestimmte Estrichdicken erfordern - das war eine Entwicklung über viele Jahre.

FT: Worin besteht die Herausforderung von Arnd Pferdehirt als Nachfolger von Michael Witte?

Witte: Man kann sagen, Arnd Pferdehirt muss immer 100 Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Es geht darum, dass Anhydrit-Team zu führen, die Kunden zu betreuen und die Produkte weiterzuentwickeln. Viele Themen müssen angestoßen werden, ob das jetzt der nächste Messeauftritt oder ein Relaunch der Internetpräsenz ist. Das Team besteht aus jeweils vier Innen- und Außendienstmitarbeitern, zwei Anwendungstechnikern sowie vier Kollegen in der Produktentwicklung im Chemiepark Leverkusen. Wir haben ein erstklassiges Team, das hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft der Anhydritsparte verspricht.

Pferdehirt: Für mich ist sehr angenehm, dass ich einen großen Teil des Teams bereits kenne. Das wird mir den Start an meinem neuen Arbeitsplatz im Herzen von Köln bestimmt erleichtern. Wenn es einzelne Punkte zu klären gibt, werde ich auch weiterhin mit Michael Witte in Kontakt treten.

FT: Was reizt Sie daran, die Verantwortung für den Marktbereich Anhydrit bei Lanxess zu übernehmen?

Pferdehirt: Ich bin seit meiner Jugend Bayer-affin, auch wenn es jetzt Lanxess ist. Mit 15 Jahren habe ich bereits mit dem Calciumsulfatbinder gearbeitet. Über viele Jahre war ich als leitender Angestellter in der Estrichbranche tätig und hatte immer wieder mit Calciumsulfatbinder zu tun. Für mich ist die neue Position als Marktbereichsleiter eine persönliche Herausforderung, die ich gerne annehme und als einen beruflichen Höhepunkt empfinde. Ich freue mich besonders, dass ich meine internationale Markt-Präsenz, die ich über viele Jahre aufgebaut habe, jetzt weiter verfolgen kann.

FT: Was werden die ersten Schritte in der Einarbeitung sein? Gibt es einen Fahrplan?

Witte: Arnd Pferdehirt wird zunächst in der Kölner Konzernzentrale den Innendienst näher kennenlernen. Anschließend sollte er jeden Außendienstmitarbeiter eine Woche lang begleiten. So erhält er einen guten Überblick über unterschiedliche Arbeitsweisen, Mitarbeiter und Kunden. Die nächste Station könnte in der Entwicklungsabteilung im Leverkusener Chemiepark sein, die er ebenfalls leiten wird.

Pferdehirt: Viele Kunden kenne ich bereits durch meine vorherige Tätigkeit bei Fischer. Es sind vielfach die gleichen Verarbeiter, die von Fischer Leichtmörtel beziehen und von Lanxess den Calciumsulfatbinder.

FT: Hilft es Ihnen bei Lanxess, dass Sie bereits über Konzern-Erfahrung verfügen?

Pferdehirt: Fischer ist ein Mittelständler und Familienunternehmen, Remondis ist vom Prinzip her ebenfalls familiengeführt, aber von der Größe her eher ein Konzern. Das heißt auch, dass man sich dort an Abläufe gewöhnen muss. Es gibt bestimmte Wege, die eingehalten werden müssen. Ohne solche Vorgaben könnte ein international agierendes Unternehmen nicht überall die gleiche Produktqualität oder Serviceleistung sicherstellen. Da ist es gewiss hilfreich, wenn man die Strukturen eines Konzerns kennt. Im Vergleich zu kleineren Unternehmen kann man jedoch dort auf vielfältige Ressourcen zurückgreifen. Das kann bei der Produktentwicklung hilfreich sein oder bei Lösungen von Transportproblemen helfen, um mal zwei Beispiele zu nennen. Ein Konzern bietet natürlich ein großes Spektrum an Möglichkeiten. Für mich ist es sicherlich hilfreich, dass ich bereits die Strukturen eines Konzerns kenne.

FT: Betreuen Sie nur die großen Kunden
persönlich?

Witte: Nein, wir fahren sozusagen zweigleisig. Wir verkaufen unseren Calciumsulfatbinder an den Baustofffachhandel. Der Baustofffachhändler sollte im Idealfall über seinen eigenen Außendienst verfügen und damit den Estrichleger betreuen. Wo das nicht der Fall ist, verkaufen unsere Mitarbeiter die Produkte zweimal: Wir begleiten den Estrichleger bis zur Baustelle, darum wird Arnd Pferdehirt auch dort viele Kunden kennenlernen. Möchte der Estrichleger unseren CAB 30 einsetzen, schauen wir, welcher Baustoffhändler in der Nähe ist. Auf diese Weise schließen wir das Geschäft für den Baustofffachhändler noch einmal ab. Mit dieser Zweigleisigkeit haben wir gute Erfahrungen gemacht.

FT: Wie gut kennen Sie die Produkte von Lanxess. Sind Sie bei Remondis und Casea bereits damit konfrontiert worden?

Pferdehirt: Die Lanxess-Produkte für die Estrichbranche kenne ich natürlich bereits. Den Calciumsulfatbinder kenne ich sowohl in puncto seiner technischer Eigenschaften als auch in der Anwendung. Und Zusatzmittel wie Meborapid und Mebodur habe ich auch schon selbst verarbeitet.

FT: Und jetzt die Steilvorlage: Welchen Ruf haben die Produkte im Markt?

Pferdehirt: Der Lanxess Anhydritbinder CAB 30 ist für konventionelle Calciumsulfatestriche definitiv die Nummer eins im Markt. Das Material wird seit über 60 Jahren verarbeitet. Lanxess verfügt über sehr viel Erfahrung mit den Estrichprodukten. Aber das Entscheidende ist: Es ist bei dieser Einbautechnik mit Abstand das Material, das sich am besten verarbeiten lässt.

FT: Kann man sagen, worin das Erfolgsgeheimnis besteht?

Witte: Wir bringen das Material in unserem Herstellprozess auf die erforderliche Feinheit, die wir exakt steuern können. Auf diese Weise sind die Verarbeitungseigenschaften ideal und lassen sich mit Hilfe von Zusatzmitteln noch weiter verbessern. Mit unserem Binder können Estrichleger Calciumsulfatestriche konventionell genauso einfach verarbeiten wie Zementestriche - und das trotz des hohen Bindemittelgehalts.

FT: Lohnt sich der höhere Preis im Vergleich zum Zementestrich?

Witte: Davon bin ich überzeugt. Unsere Aufgabe ist es, immer wieder die technischen Vorteile des Calciumsulfatestrichs zu benennen. Das sind im Vergleich zu Zementestrichen ihr geringeres Schwindverhalten, auch große Flächen können fugenlos verlegt werden sowie die frühe Inbetriebnahme der Fußbodenheizung und damit verbunden ein Zeitgewinn auf den Baustellen. Vielen erfahrenen Estrichlegern in Deutschland sind die Vorteile bekannt. Ich nenne mal ein typisches Beispiel: Ein Kunde möchte eine Fußbodenheizung mit großformatigen keramischen Fliesen einbauen. Bei einem zementgebundenen Untergrund wäre das Risiko sehr hoch, dass bei den großformatigen Belägen Risse durch Spannungen entstehen. Bei einem technisch fachgerecht eingebauten Calciumsulfatestrich hingegen ist das Risiko nahezu Null.

Pferdehirt: Die Vorteile eines Calciumsulfatestrichs muss man über die gesamte Nutzungszeit betrachten. Dabei ist entscheidend, dass er sich nach dem Abbinden und Trocknen nicht mehr verändert. Bei einem Zementestrich ist das anders: Der arbeitet auch noch nach fünf Jahren und mehr. Die ersten Zementfließestriche haben ihre Schäden auch noch nach zehn Jahren bekommen. Bei materialspezifischen Eigenschaften hat der Calciumsulfatestrich definitiv die Nase vorn. Wenn jemand investiert, hat er auf Dauer etwas davon, nämlich über viele Jahre, vielfach 30 Jahre und mehr.

FT: Wie hat sich die Estrichbranche in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Witte: Es ist fast aussagekräftiger, was sich nicht geändert hat. Ich habe vor vielen Jahren prognostiziert, dass die konventionelle händische Estrichverarbeitung rückläufig sein wird und der Marktanteil schrumpft. Selbst das Calciumsulfatgeschäft mit der Sackware hätte ich langfristig als sinkend eingeschätzt. Tatsächlich aber liegen wir bei den konventionellen Estrichanwendungen weiterhin auf einem sehr hohen Niveau mit stabilen Mengen.

Wenn man die Menge konventionell hergestellter Calciumsulfat- und Zementestriche addiert, liegt deren Anteil stabil bei etwa 60 % in Deutschland. Ich sehe momentan auch keinen Grund, warum es weniger werden sollte. Der Mörtel wird zum Teil in automatisierten Systemen wie Mixmobilen angeliefert, aber das Verteilen, Abziehen, Verdichten und Glätten des Estrichmörtels bleibt Handarbeit. Das wird auch noch lange so bleiben, denn eine effektive Maschinentechnik, die den Estrichleger bei der schweren körperlichen Arbeit unterstützt, gibt es nur bei Industrieböden, aber nicht im Wohnungsbau.

FT: Wie hat sich Lanxess auf die Veränderungen im Estrichmarkt eingestellt?

Witte: In den 1990er Jahren hatten wir rund 1.200 persönliche Kundenkontakte von insgesamt 1.500 Estrichlegern in Deutschland. Das hat sich gravierend verändert: Heute gibt es hierzulande 6.000 Betriebe, die Estriche verlegen. Früher konnten die Estrichleger ihren Calciumsulfatbinder direkt bei uns abholen. Sie fuhren ins Werk rein und holten die benötigten Paletten mit Sackware ab. Als im Jahr 2003 der Meisterzwang fiel, wuchs die Zahl der Betriebe extrem an, sodass wir vom Direktgeschäft auf den Baustofffachhandel umstellten. Das war der richtige Weg. Mittlerweile verfügen wir über ein flächendeckendes Händlernetz quer über Deutschland, sodass unser Material überall schnell verfügbar ist. Unser Geschäft entwickelte sich über die Jahrzehnte erfolgreich, da wir uns immer rasch auf die Veränderungen der Branche eingestellt haben.

FT: Viele Jahre sind unser Stichwort. Tatsächlich kennen Sie sich bereits 20 Jahre?

Pferdehirt: Das stimmt, ich habe Michael Witte vor 20 Jahren kennengelernt. Ich startete als Bauingenieur bei den Mörtelwerken Schwutke und mein damaliger Chef nahm mich sofort mit zum Industrieverband Werkmörtel (heute VDPM) und der Industriegruppe Estrichstoffe (IGE). Dort lernte ich Michael Witte kennen.

Witte: Arnd Pferdehirt wird meine Aufgaben in den Verbänden 1:1 übernehmen. Das ist völlig unproblematisch, da er dort bereits aktiv ist.

FT: Wie genau ist Lanxess in den Verbänden vertreten?

Witte: Das sind die Arbeitskreise Calciumsulfat-Fließestrich, Heizestriche und der temporäre Arbeitskreis Estrichzusatzmittel im Bundesverband Estrich und Belag (BEB). Außerdem die Industriegruppe Estrichstoffe (IGE), die aus den drei Mitgliedern Remondis, Knauf und Lanxess besteht. Wir arbeiten eng zusammen mit dem Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM, früher Industrieverband Werkmörtel) und beteiligen uns an gemeinsamen Aktivitäten. Im VDPM gibt es den Arbeitskreis Technik und Marketing, in dem Arnd Pferdehirt dabei sein wird.
Aktiv sind wir des Weiteren in zwei Normungsausschüssen: Bei der Ausführungsnorm DIN 18560 Estrich im Bauwesen und der Norm für Calciumsulfat-Bindemittel, das ist die EN 13454.

FT: Herr Pferdehirt, zusätzlich gehören Sie auch noch einer französischen Spezialistengruppe an. Was verbirgt sich dahinter?

Pferdehirt: Ich engagiere mich in der Groupe Specialisé N° 13 bei der CSTB, das ist eine Spezialistengruppe in der Nähe von Paris, die Baustoffe prüft. Geprüfte Produkte erhalten ein Avis Technique, eine Art Zulassung für den französischen Markt. Ohne sie bleibt einem der Marktzugang für einen Großteil Frankreichs verwehrt.

In diese Position bin nicht ich als Unternehmensrepräsentant gewählt worden. Ich habe mehr als ein Jahrzehnt für Remondis in Frankreich gearbeitet. Die Berufung in den Spezialistenkreis als deutscher Staatsbürger ist eine große Ehre und macht mir viel Spaß.

Zahlenspiele Anhydrit
-seit 1961 wurden ca. 7 Mio. t Lanxess Calciumsulfatbinder (CAB) produziert

-rund 300.000 voll mit Binder beladene Lkw haben seither das Werk in Leverkusen verlassen

-täglich werden mehr als 30.000 m2 calciumsulfatgebundene Flächen auf Basis dieses CAB hergestellt

-seit 1961 wurden ca. 350 Mio. m2 CA / CAF auf der Basis von Lanxess Anhydritbinder verlegt, was ungefähr 3 Mio. Einfamilienhäusern entspricht

-Deutschlands Estrichleger wären mit der Verarbeitung dieser Menge ca. 7 Jahre beschäftigt
aus FussbodenTechnik 03/18 (Wirtschaft)