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Heimtextil 2018

Tschüss, Halle 8


Frankfurt. Im nächsten Jahr wird alles anders: Zum letzten Mal war im Januar Halle 8 in Verbund mit Halle 11 der zentrale Anlaufpunkt für den Bettenfachhandel zur Heimtextil. Mit der Fertigstellung der neuen Halle 12 wird sich die Struktur der Messe ab 2019 wandeln. Das gefällt nicht jedem - und es war ein großes Thema in vielen Gesprächen an den Ständen. Die Messe bilanziert ein leichtes Plus bei Besuchern und Ausstellern, insgesamt kamen 70.000 Fachbesucher in die Hallen rund um den Messeturm. Dabei war Nachhaltigkeit Trumpf: Grüne Themen bildeten einen der thematischen Schwerpunkte.

Wandel bringt Unruhe, und mit Veränderung geht häufig Unsicherheit einher. Kommunikation ist dabei das A und O, um Ängste zu nehmen und Vorurteilen zu begegnen. Dass Meike Kern, die Leiterin der Heimtextil, kein kommunikativer Typ sei, wird niemand ernsthaft behaupten können. Und doch hatten sie und ihr Team im Vorfeld und während der Messe deutlich mehr zu reden als sonst. Das vergangene halbe Jahr war herausfordernd. Mit Bekanntwerden der geplanten neuen Messekonzeption begann auch der Widerstand dagegen, der in der Absage der Messe durch die EuroComfort Group von Thomas Bußkamp gipfelte. Unter den Ausstellern war die Meinung über diesen Schritt durchaus geteilt. Verständnis auf der einen Seite, Gelassenheit bei anderen nach dem Motto: Dann machen halt wir das Geschäft.

Auch die Messe-Verantwortlichen in Frankfurt gaben sich gelassen. "Insbesondere aus Perspektive der Einkäufer stellen wir die Heimtextil 2019 neu auf und fassen Themen und Produktgruppen zielgruppenspezifisch zusammen. Auf diese Weise können Synergien besser erkannt und genutzt werden", erklärte Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies der Messe Frankfurt, zu den Messeplänen. Er betonte, dass diese im Austausch mit Ausstellern und auf Basis von Besucherbefragungen erarbeitet worden seien. Bußkamp, der als Besucher nach Frankfurt gekommen war, hielt dagegen. Er klagte, zu spät informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein, was die Messe bestreitet - so war das Tischtuch schließlich zerrissen. Was im kommenden Jahr sein wird, bleibt abzuwarten. Die Frage, wie golden denn die Brücke sein müsse, um ihn zur Rückkehr zu bewegen, beantwortete Bußkamp zumindest mehrdeutig.

Halle 8 wird dann jedenfalls in ihrer bisherigen Form Geschichte sein. Vielen, die jetzt den Umzug beklagen, galt sie früher noch als eine Art hässliches Entlein. Mittlerweile haben sich die Aussteller an den bunten Mix gewöhnt, häufig war zu hören, dass man vor allem auf das bewährte Umfeld der Standnachbarn nicht verzichten wolle. Über die konkrete Hallenaufteilung will die Messe in Kürze in die weitere Komunikation gehen und dann auch die entsprechenden Fragen der Haustex-Redaktion beantworten. Seit Ende Januar laufen die Anmeldungen, seither können auch Standwünsche geäußert werden. Konkrete Vorschläge sollen die angemeldeten Aussteller laut einer Ausstellerinformation der Messe dann ab Mai erhalten. "Aufgrund der Neuplanung, die einen Großteil der 3.000 Aussteller betrifft, bitten wir Sie schon heute um ein wenig Geduld", heißt es darin. Vorerst ist so viel bekannt:

•Ein Großteil der Aussteller aus den Hallen 8 und 9 sollen gemeinsam mit den Ausstellern aus Halle 11.0 in die neue Halle 12 ziehen. Die Messe will damit die Bereiche "Bed" und "Bath" stärken. Die Hallenebene 12.0 soll dabei unter der Überschrift "Bed & Bath Fashion (Brands) stehen, Ebene 12.1 ist für Private-Label-Anbieter von Bettwäsche und Badtextilien vorgesehen.

•Bettwaren, Zudecken, Matratzen, Kissen, Schlafsysteme und eine neue Sonderschau zum Thema "Die Zukunft des Schlafens" sollen in Halle 11.0 gezeigt werden. Halle 11.1 ist für luxuriöse und klassisch-aktuelle Kollektionen aus den Bereichen Bett, Bad und Tischwäsche vorgesehen.

•Anbieter von Tisch- und Küchenwäsche, Deko-Kissen und Plaids aus den Hallen 8.0, 9.0 und 11.0 sollen sich zukünftig gemeinsam mit der neuen Lifestyle-orientierten Produktgruppe "Accessoires" in der Halle 9.0 präsentieren.

Währenddessen nimmt der Neubau der Halle 12 auf der Westseite des Messegeländes deutlich Gestalt an. Die Messe hatte die Aussteller im Januar zu einer Baustellenführung eingeladen, um ihnen einen Einblick in den künftigen Standort zu geben. Ein Angebot, dass beispielsweise Estella-Geschäftsführer Michael Mosch, bisher in Halle 8 untergebracht, begeistert annahm: "Ich freue mich auf Halle 12. Das wird richtig gut." Die neue Halle bekomme eine gute Anbindung und biete eine tolle Höhe, so Mosch. Christian Dierig, Vorstandssprecher der Dierig Holding (u.a. Fleuresse) klingt da weitaus zurückhaltender und ist noch nicht entschieden, ob er 2019 mit an Bord ist. Mit entscheidend ist für ihn, ob die Schwestermarke Kaeppel auch in der neuen Halle, so wie bisher in der 8, in direkter Nachbarschaft zum Fleuresse-Stand liegt. Auch Petra Schweigert, Marketing-Leiterin bei OBB, wünscht sich einen ebenso guten Platz und Stand, wie in den letzten Jahren in Halle 8: "So, wie es jetzt ist, war es eigentlich perfekt."

Andreas Veil hat weiterhin Gesprächsbedarf. Der Traumina-Geschäftsführer war im Januar noch unentschieden, ob er im kommenden Jahr zur Heimtextil wiederkommt. Bisher war er in Halle 8 sehr zufrieden. So auch Karl Rosenstengel, Geschäftsführer von Daunen-Anbieter Aro Artländer, der seinem Unmut Luft machte. Er wolle in keine "weiße Halle", so Rosenstengel: "Die Messe darf nicht denselben Fehler machen, wie mit den Matratzen-Leuten. Die sind nach Köln abgewandert. Wenn bei der Messe keine Einsicht kommt, gehen wir auch nach Köln." Das kann Stefan Sickenberger, Vertriebsleiter bei Frankenstolz, nicht nachvollziehen: "Ich bin überzeugt, es werden im kommenden Jahr nicht weniger Besucher zu uns kommen als in diesem Jahr."

Auch Franziska Möller, Assistentin der Geschäftsleitung beim Bettwäschehersteller Klaus Herding, bleibt gelassen: "Wir freuen uns auf die neue Halle. Wir wollen, dass unsere Kunden Neuheiten gegenüber aufgeschlossen sind. Da müssen auch wir Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sein." Das sieht Bernd Steverding, Geschäftsführer von Essenza Home Deutschland und Aussteller in Halle 11, ähnlich: "Wir arbeiten immer gerne an uns selbst und sehen die neue Halle als Herausforderung und sehr positiv. Auch der Händler braucht permanent neue Ideen und Veränderungen. Ich finde das Konzept gut."

Neben der neuen Hallenstruktur gab es selbstverständlich auch viele weitere Themen, über die an den Ständen diskutiert wurde. Nach einem insgesamt nicht leichten Vorjahr war die Branchenstimmung gleichwohl optimistisch, wobei sich auch eine gewisse Ratlosigkeit breit macht: Die konjunkturellen Rahmendaten stimmen, die Konsumfreude der deutschen Endverbraucher scheint ungebrochen, die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sind gut - und trotzdem kommt die Kauflust nur bedingt im Bettenfachhandel an. Wie schon im Vorjahr war bei vielen Ausstellern die Klage zu hören, dass das Geschäft immer weniger planbar sei. Das klassische Weihnachtsgeschäft ist ohnehin für viele passé, aber auch sonst gab es sehr unterschiedliche Erfahrungen. Für die einen beispielsweise war die zweite Jahreshälfte eher enttäuschend, während sie bei anderen die Ausfälle von Frühjahr und Sommer wieder vergessen ließ.

Seitens der Verbände wurde ein eher indifferentes Bild des Vorjahres gezeichnet. Der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE) bilanziert für 2017 ein stabiles bis leicht im Plus liegendes Geschäft mit Bettwaren, sowie halbwegs stabile Umsätze bei Haustextilien. Demgegenüber spricht der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex) von der Bettware als einer positiven Stütze im heimtextilen Produktmix: Insbesondere im ersten Quartal 2017 sein ein deutliches Umsatzwachstum generiert worden, wohingegen das dritte Quartal unerwartet enttäuscht habe. Und auch der Verband der Deutschen Daunen- und Federnindustrie (VDFI) freut sich über ein Plus im einstelligen Bereich - wobei hier Jahresbeginn und Frühjahr enttäuschten, während die Umsatzentwicklung im letzten Drittel des Jahres klar nach oben gezeigt habe. Insbesondere Daunendecken standen mit plus fünf Prozent beim Verbraucher hoch im Kurs. Die Klage vieler Bettwarenhersteller wird indes auch in der Bewertung des VDFI gespiegelt: Die Rohwarenpreise für Daunen und Federn bleiben ein Sorgenkind. Sie stiegen auf ohnehin schon hohem Niveau in der zweiten Jahreshälfte noch einmal deutlich an. Und auch die Baumwollpreise ärgern die Industrie: Seit Mitte November seien sie um 14 Prozent gestiegen, klagte der VDFI in Frankfurt.

Umso interessanter ist das Stimmungsbild der Aussteller während der Messe. Und auch hier findet sich eine große Bandbreite an Meinungen: Fleuresse-Chef Christian Dierig gibt sich mit Blick auf das laufende Jahr und den deutschen Markt eher skeptisch: Seine Sorge ist, dass die Fachhandelskunden eher weniger werden als mehr. Hans Dieter Giesen, Geschäftsführer von Bierbaum Wohnen, zeichnet ein anderes Bild: Bei ihm lagen die Auftragseingänge in Frankfurt erneut über dem Vorjahr. "Trotz der unbefriedigenden Besucherfrequenz", wie Giesen betont. "Dafür waren die Arbeitsgespräche auf der Messe von hoher Intensität und Qualität, die viele Aufgabenstellungen nach sich ziehen."

Damit spricht Giesen ein Thema an, das viele Aussteller bewegte: Die Frequenz in den Hallen, die wie immer sehr unterschiedlich war und wahrgenommen wurde. Bernd Steverding von Essenza Home Deutschland lobt die internationale Ausrichtung der Messe. "Aber der deutsche Händler fehlt, und das ist sehr schade", so Steverding. Rund 70.000 Besucher aus 135 Ländern wurden nach Angaben der Messe Frankfurt im Januar gezählt - ein kleines Plus gegenüber dem Vorjahr. Seitens der Aussteller war zwar häufig die Aussage zu hören, dass es weniger auf die Quantität als die Qualität der Besucher und der geführten Gespräche ankomme. Doch nicht minder häufig wurde insbesondere das Fehlen vieler Bettenfachhändler beklagt. Denen wird seitens der Messe allerdings mit dem Bedn-Excellence-Programm der rote Teppich ausgerollt und ein umfangreiches Servicepaket geboten. Nach Angaben der Messe nahmen daran 700 Händler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien teil, mithin ein Prozent der Messebesucher.

Wie auch immer man dies bewertet: Neben dem reinen Ordergeschäft, das für Fachhändler gar nicht mehr zentral wichtig ist, lässt sich auch abseits solcher Besuchsgründe viel Neues entdecken und Inspiration erfahren, was den Weg nach Frankfurt mindestens rechtfertigt. Mit dem noch kleinen Areal "All about pets" beispielsweise gelang der Messe mehr als nur ein Gag. Denn seit Jahren wächst die Anzahl der Aussteller, die Textilien für Tiere in ihrem Portfolio haben. Diesem steigenden Interesse wurde die Heimtextil erstmals mit einem eigenen -Areal für Textilien und Accessoires für Tiere in der Galleria 0 gerecht, das viele neugierige Blicke auf sich zog. Und da auch eine Marke wie Schlaraffia hier mittlerweile eingestiegen ist (die in Frankfurt allerdings nicht vertreten war), ist das vielleicht auch bald im Bettenhandel ein Thema.

Zeitweise dicht umlagert war ein Stand in Halle 8, der als Testcenter für One-Fits-All-Matratzen ausgeschrieben war und den Vergleich verschiedener Modelle dieser Einheitsmatratzen möglich machte - inklusive eines Selbstbau-Lattenrostes, der exakt nach der Bauanleitung der Stiftung Warentest angefertigt wurde. Hier nutzten viele Messerbesucher die Gelegenheit, die unterschiedlichen Modelle probezuliegen. Mitunter zum ersten Mal, wie einzelne Händler bestätigten. Eine gute Gelegenheit, um Argumente zu sammeln und Argumentationen zu erarbeiten, mit denen man im Geschäft dem Verbraucher gegenübertreten kann. Fünf Liegeflächen zeigten gängige Modelle, über die zeitweise sehr intensiv diskutiert wurde.

Gleich nebenan hatte Schlaf-Experte Markus Kamps seine Präsentation aufgebaut, der sich mit dem britischen Schlaf-Coach Nick Littlehales einen Kollegen nach Frankfurt geholt hatte, dessen neuestes Buch "Sleep - Schlafen wie die Profis" Anfang März in Deutschland erscheint. Darin stellt er er auf der Grundlage der Schlafforschung ein Programm vor, das in nachvollziehbaren Schritten helfen soll, besser und erholsamer zu schlafen. Beispielsweise geht es darum, die eigenen Schlafphasen besser einzuschätzen, die Länge des Schlafs zu definieren und für sich die besten Ausgangsvoraussetzungen zu schaffen, in einem durchzuschlafen und die Nachtruhe zu genießen. Littlehales berät Spitzensportler wie den Fußballer Christiano Ronaldo und sprach vor diesem Hintergrund auch über die "Neudefinition des Schlafes im Weltsport". Diesen Vortrag hielt der Experte in der Speakers Corner des Green Village- noch so eine Anlaufstelle in Halle 8, die den Besuch der Messe lohnte. Im Green Village informierten Siegelgeber und Zertifizierer über ihre Arbeit - von Faitrade über den Blauen Engel bis zum Downpass. Hier starteten auch die sogenannten "Green Tours", Besucherführungen, die unter dem Nachhaltigkeits-Aspekt zu ausgesuchten Ausstellern führten. Nicht zuletzt gab es in der Speakers Corner ein umfangreiches Vortragsprogramm, in dessen Rahme internationale Branchenexperten über relevante Themen wie die textile Wertschöpfungskette oder den Einsatz von nachhaltigen Textilien in der Hotellerie referierten. Prominentester Gast hier: Laura Chaplin, Enkelin des weltberühmten Komikers. Sie machte als Markenbotschafterin des Labels Cotton made in Africa auf die Verwendung nachhaltiger Baumwolle in der Textilindustrie aufmerksam. An den Ständen der Aussteller wiesen sogenannte Eco-Blätter neben den Standnummern darauf hin, welches Unternehmen sich im Bereich Nachhaltigkeit engagiert.

Mit dem Trendareal Theme Park gab die Heimtextil erneut einen Ausblick auf Design- und Einrichtungstendenzen der Zukunft. Unter dem Titel "The Future is urban" visualisierten internationale Designexperten den Megatrend Urbanisierung. Basierend auf der Aussage, dass bereits heute über die Hälfte der Weltbevölkerung in Großstädten lebt, zeigte das Areal neben Farb- und Materialtrends der kommenden Saison vor allem reelle Zukunftsperspektiven im Bereich textiles Interior Design auf. Bei der Inszenierung in der Halle 6.0 übernahm das Londoner Studio FranklinTill die Regie und erhielt große Anerkennung für eine ebenso progressive wie greifbare und anschauliche Trendpräsentation.

Neben den bereits erwähnten rund 70.000 Besuchern stellten auf der Heimtextil nach Angaben der Messe 2.975 internationale Aussteller ihre Neuheiten vor. "Mit Wachstum auf Besucher- und Ausstellerseite hat die Heimtextil auf ganzer Linie überzeugt und ihre Alleinstellung als weltweite Leitmesse untermauert", bilanzierte Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. Bereits zum achten Mal in Folge habe die Fachmesse die Anzahl der teilnehmenden Firmen gesteigert. Neben weltweiten Marktführern und Branchengrößen bot die Heimtextil dabei mit ihrem Newcomer-Programm "New & Next" mehr als 50 jungen Designern und Start-ups eine internationale Plattform.

Die nächste Heimtextil findet vom 8. bis 11. Januar 2019 in Frankfurt statt.
aus Haustex 02/18 (Wirtschaft)