Caparol Farben Lacke Bautenschutz GmbH

"Öko ist der Markt der Zukunft"


Caparol hat vor knapp zwei Jahren eine nachhaltige Produktschiene gestartet und glaubt an deren Erfolg. Wolfgang Hoffmann, Leiter des Produktmanagments, und Volker Tank, Projektmanager Fassaden-/Dämmtechnik, sehen den Farbenhersteller in diesem Bereich als Trendsetter.

BTH Heimtex: Wir leben in Zeiten schneller gesellschaftlicher Veränderungen, in deren Mittelpunkt das wachsende Umweltbewusstsein steht. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an neue Produkte. Wie stellen Sie sich den neuen Herausforderungen im Markt?

Wolfgang Hoffmann: In Bezug auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind sowohl die Gesellschaftspolitik als auch der Gesetzgeber, der immer mehr Regulierungen auf den Weg bringt, die größten Treiber. Caparol hat sich deshalb für weitere nachhaltige Produktlösungen entschieden, die das herkömmliche Sortiment ergänzen.

Vor fast zwei Jahren haben wir zum Beispiel mit Capa Geo eine neue nachhaltige Produktlinie auf den Markt gebracht. Damit beweisen wir, dass es möglich ist, Profi-Produkte herzustellen, die ökologisch sind und gleichzeitig hohe Qualität bieten. Denn Öko ist mehr als Trend, es ist der Markt der Zukunft. Dem müssen wir uns als Marktführer stellen. Um sich hier weiterzuentwickeln, braucht es viel Mut, Kraft, Ausdauer und Spaß. Das haben wir.

BTH Heimtex: Sehen Sie sich hinsichtlich der Entwicklung von nachhaltigen Produkten als Trendsetter?

Hoffmann: Absolut. Wir bieten deutlich mehr als der Gesetzgeber verlangt. Das passt zur Philosophie des Familienunternehmens DAW. Die Eigentümer leben Nachhaltigkeit nicht nur durch ihre Bauprodukte, sondern in der gesamten Unternehmensgruppe vor. So produzieren wir seit 1. Januar 2017 in allen unseren deutschen Produktionsstätten mit Öko-Strom. Das heißt, wir nutzen regenerative Energie und geben dafür mehr Geld aus. Dazu kommt die neue Schiene der nachhaltigen Produkte.

BTH Heimtex: Zur neuen Produktlinie gehört die Fassade aus dem nachwachsenden Rohstoff Hanf. Wie entwickelt sich die Nachfrage nach dem Capatect System Natur+?

Volker Tank: Von 100 Gebäuden werden in Deutschland 75 mit EPS gedämmt, 20 mit Mineralwolle, der Rest entfällt auf andere Materialien wie unter anderem auch ökologische Dämmstoffe. Im vergangenen Jahr haben wir in Deutschland rund 10.000 m2 Fassadenfläche mit Hanf gedämmt. Für dieses Jahr planen wir eine Verdopplung. In Österreich sind wir mit dem Hanf-System bereits seit vier Jahren auf dem Markt. Dort konnten im vergangenen Jahr ca. 100.000 m2 Hanf-Fassadendämmung realisiert werden.

Die biologische Dämmung als Alternative zu herkömmlichen Systemen ist dringend erforderlich, um die von der Bundesregierung gesteckten Klimaziele zu erreichen und den Ausstoß von Kohlendioxid von 1990 bis 2050 um 85 bis 95 % zu reduzieren. Denn die angestrebte Sanierungsquote im Altbaubestand der Ein- bis Zweifamilienhäuser wird nicht zuletzt durch die kritische Berichterstattung über EPS und die damit verbundene Verunsicherung deutlich unterschritten. Sie liegt nur bei 0,2 %. Man sollte also alle Anstrengungen erhöhen, ökologische Produkte zu fördern.

BTH Heimtex: Der Einsatz biologischer Produkte würde das Bauen noch teurer machen. Dabei wird gerade für Ballungszentren kostengünstigeres Bauen gefordert.

Tank: Das Problem bei der Finanzierung ist, dass die Entsorgung nicht berechnet wird. Bis zur Fertigstellung eines Hauses sind 20 % der Gesamtkosten verbraucht. Die restlichen 80 % entfallen auf Betrieb und Entsorgung. Wenn diese mit berechnet würden, stünden biologische Stoffe im Rahmen der Kostenermittlung deutlich besser da. Es wäre daher sinnvoll, bei Ausschreibungen nicht die billigsten Produkte auszuwählen, sondern den Betriebs- und Entsorgungszyklus mit zu betrachten. Sonst übertragen wir die Probleme auf die Generation nach uns.

BTH Heimtex: Die herkömmliche Fassadendämmung, die hauptsächlich aus EPS besteht, ist derzeit nicht besonders beliebt. Hauptgrund ist die negative Berichterstattung über die angebliche Entflammbarkeit des Materials. Beeinflusst dies auch die Nachfrage nach Öko-Dämmung?

Tank: Da kochen die Emotionen hoch, insbesondere wieder nach dem Hochhausbrand in Großbritannien. Dabei wurde dort gar kein EPS eingesetzt. Auch die niedrigen Energiepreise halten viele davon ab, in Dämmung zu investieren. Bei einer Investition von 25.000 EUR für ein Einfamilienhaus ist die reine Amortisation über die Einsparung von Energiekosten ein längerer Prozess. Aber bedenken Sie: Die Lebensdauer eines WDV-Systems beträgt über 40 Jahre, und das Wohlfühlen stellt sich sofort ein.

Dieser Entwicklung müssen wir mit Emotionen begegnen und den über die Energieeinsparung hinausgehenden Nutzen der Hanf-Dämmung herausstellen. Schon Römer und Griechen haben Kleidung aus Hanf getragen. Dieser hautsympathische Stoff ist auch gut für die Wand. Er sorgt nicht nur für Wärmedämmung, sondern bietet im Sommer Hitzeschutz sowie Schallschutz, schafft ein gesundes Wohnklima, ist recycelbar und bindet während der gesamten Nutzungsphase mehr als 2 kg CO/m2. Wer diese Zusatznutzen wertschätzt, ist auch bereit, mehr zu zahlen.

BTH Heimtex: Kleidung, Zigaretten, Getränke aus Hanf. Derzeit erlebt die Pflanze eine neue Blüte. Profitiert die Hanf-Dämmung davon?

Tank: Das Tolle an Hanf ist, dass er eine Geschichte hat. Jeder hat eine Assoziation zu Hanf. Und wir sprechen hier über Nutzhanf, quasi ohne THC-Gehalt, mit Drogen hat der nichts zu tun.

BTH Heimtex: Verlassen wir mal kurz die Öko-Linie. Wie entwickelt sich die Nachfrage nach herkömmlichen WDV-Systemen bei Caparol?

Tank: Sehr gut, jedenfalls bei Sanierungen im Bereich Mehrfamilienhaus und auch im Neubau. Viele Wohnungsbaugesellschaften entscheiden sich inzwischen auch für Hanf, weil sie den langfristigen Nutzen des Materials erkannt haben. Eine davon ist die Wohnungsbaugenossenschaft Märkische Scholle, mit der wir in Berlin ein Pilotprojekt gestartet haben (siehe Kasten rechts). Dort untersuchen wir die Leistungsfähigkeit verschiedener Dämmmaterialien über den Kälteschutz hinaus. Sorgenkind ist nach wie vor der Bereich Einfamilienhäuser, also die Renovierung, die aus den genannten Gründen sehr gering ist.

BTH Heimtex: Nun gibt es zwischen der teureren Hanf-Dämmung und den günstigen EPS-Systemen noch die Dämmung mit Mineralwolle. Ist die eine Alternative?

Tank: Die Nachfrage steigt zwar, aber unter ökologischen Aspekten ist das keine wirkliche Alternative. Bei der Herstellung von 1 m2 Mineralwolle entstehen mehr als 10 kg CO. Hanf entzieht dagegen ca. 2 kg CO/m2. Das macht bei einer Lebensdauer von 50 Jahren rund 100 kg pro Quadratmeter Fassadenfläche.

Unter ökologischen Aspekten ist der Dämmstoff Mineral-/Steinwolle sehr kritisch zu betrachten. Das Material lässt sich nach dem Abbau so gut wie nicht mehr verwerten. Hanf und EPS kann man dagegen thermisch verwerten, Hanf sogar kompostieren. Und Hanf hat die genannten Zusatznutzen.

Wenn man noch die Entsorgung dazu rechnet, spricht eigentlich alles für Hanf.

BTH: Außer Hanf umfasst die nachhaltige Linie von Caparol noch mehr Produkte. Welche sind es?

Hoffmann: Das ist vor allem Capa Geo. Hier sind bei den Innenfarben die Bindemittel anteilig zu 100 % durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt worden, was ich als die Innovation für 2016 und 2017 bezeichne. Dafür haben wir in den anderthalb Jahren seit Markteinführung schon etliche Preise erhalten. Dazu gehören Auszeichnungen beim German Brand Award in Gold, dem German Design Award und dem Green Tec Award.

Das Produkt schont Ressourcen, indem fossile Rohstoffe für die Bindemittel durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Bei Indeko Geo bleiben so pro 12,5 l Eimer 3 l Öl in der Erde, bei Capatrend Geo sind es 2,5 l. Wir haben mit Capa Geo ein Produkt hergestellt, mit dem wir beweisen, dass es möglich ist, Profi-Innenfarben in der höchsten Qualitätsstufe anzubieten und trotzdem ökologisch zu sein.

BTH Heimtex: Nun sind die Hanf-Fassade und Capa Geo noch Nischenprodukte mit Leuchtturm-Charakter. Wie nähert sich Caparol bei der Herstellung seines Kernsegments dem Thema Nachhaltigkeit?

Hoffmann: Wir haben uns in unserem Kernsegment die Aufgabe gestellt, die Produkte so nachhaltig wie möglich zu rezeptieren, wie zum Beispiel unsere Innenfarbe Indeko-plus. Sie ist frei von Konservierungs- und Lösungsmitteln sowie Weichmachern. Fassadenfarben mit NQG-Technologie punkten zudem mit geringer Verschmutzungsneigung und Langlebigkeit. Wenn die Dämmung eine Lebensdauer von 50 Jahren hat und ich sie in dieser Zeit zweimal weniger streichen muss als sonst, ist das ein erheblicher Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Haltbarkeit und Ressourcenschonung sind die wichtigsten Faktoren. Dadurch zeichnen sich auch unsere neuen Leichtputze aus, die eine echte Innovation darstellen. Denn mit Capatect light to go wird das Gewicht reduziert, was eine zunehmende Rolle spielt, da auf Baustellen auch immer mehr Frauen tätig sind.

Tank: Außerdem müssen die Menschen immer länger arbeiten. Wenn sie nur 20 statt 25 kg tragen müssen, wirkt sich das vorteilhaft auf die Gesundheit aus. Auch der Großhandel profitiert, weil bei weniger Gewicht weniger Lkw eingesetzt werden müssen. Für den Maler ist der Leichtputz zudem hoch wirtschaftlich. Um die Kosten von Leicht- mit anderen Putzen zu vergleichen, kann er unter www.flächenpreiskalkulator.de ausrechnen, welche Einsparung sich pro Quadratmeter ergibt.

Hoffmann: Wir haben ja auch noch Lacke und Lasuren. Auch bei deren Herstellung zählt Nachhaltigkeit. Wir stellen schon in diesem Jahr auf kobaltfreie Produktion um, obwohl das erst wesentlich später gesetzlich vorgeschrieben sein wird.

BTH Heimtex: Ganz gleich, ob nun die neuen nachhaltigen Produkte oder das überarbeitete Kernsegment: Die Herstellung umweltfreundlicher Produkte ist teuer. Wie schlägt sich das im Preis nieder?

Hoffmann: Die nachwachsenden Rohstoffe machen die Produkte teurer, und Forschung und Entwicklung sind sehr aufwändig. Doch Caparol steht absolut hinter diesen Produkten und fördert ihren Einsatz, indem nur ein Teil der höheren Rohstoffkosten weitergegeben wird. Dabei orientieren wir uns an der Preisbereitschaft. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass die Bereitschaft, mehr zu zahlen, bei einem um 10 bis 20 % höheren Preis endet. Dem entsprechen wir: Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein müssen finanzierbar bleiben. Das gilt auch für die Hanf-Dämmung.

BTH Heimtex: Nun ist Caparol nicht der einzige Hersteller, der nachhaltige Produkte im Sortiment hat. Wie kann sich ein Unternehmen angesichts der Vielfalt am Markt noch vom Wettbewerb differenzieren?

Hoffmann: Das kann nur gelingen, wenn man das Thema offen und ernst verfolgt. Und man sollte schneller sein als der Wettbewerb, also mehr leisten, als vom Gesetzgeber verlangt. E.L.F.-Qualität (emissionsminimiert und lösemittelfrei, A.d.R.) ist mittlerweile Standard. Wer besser sein will, muss mehr bieten. Dazu gehört auch viel Mut - den haben wir.

BTH Heimtex: Und der Profi nimmt die Produkte an? Man denke nur daran, wie lange es dauerte, bis er lösemittelfreie Beschichtungen akzeptiert hat.

Hoffmann: Der Maler nahm die lösemittelreduzierten Lacke anfangs schleppend an, weil die Qualitäten nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Nachhaltig hieß nach seiner Erfahrung: schlechtes Deckvermögen, schlechte Leistungsparameter. Wenn man nachhaltige Produkte verkaufen will, muss man sich um den Maler bemühen, glaubwürdig sein und Qualität anbieten. Das ist uns gelungen.

BTH Heimtex: Letztlich haben Handwerker aber doch durch die ökologischen Produkte die Chance, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Hoffmann: Das ist richtig. Ökologische Produkte werden nach und nach immer gefragter sein. Viele Menschen möchten umweltbewusst leben und sich gleichzeitig etwas gönnen. Dafür sind sie bereit, mehr zu bezahlen. In der Folge werden sich auch immer mehr Maler noch intensiver mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen, wie es heute schon die vom Fachverband Farbe Gestaltung Bautenschutz Rheinland-Pfalz ins Leben gerufene Initiative Wohnsinn macht. Sie nimmt nur Maler auf, die nachhaltige Ideen und Konzepte vorantreiben sowie nachhaltige Produkte verarbeiten und damit Mehrwert schaffen. Das ist ein klassisches Differenzierungsmerkmal.

Tank: Wir haben im vergangenen Jahr rund 150 Maler in der fachgerechten Verarbeitung der Hanf-Fassadendämmung geschult und das Material in einer Roadshow präsentiert. Die Teilnehmer waren begeistert von den Vorteilen, die Hanf bietet. Damit verbunden ist natürlich eine umfangreichere Beratung. Sie ist bei diesem Produkt sehr wichtig. Der Maler muss deutlich machen, dass Hanf viel mehr kann als nur dämmen. Denken Sie an mein Beispiel mit dem hautsympathischen Dämmstoff. Wenn er das schafft, werden wieder mehr Objekte gedämmt.

BTH Heimtex: Sie haben die Initiative Wohnsinn angesprochen. Wie unterstützen Sie sie?

Hoffmann: Wir verlinken uns gegenseitig auf unseren Internet-Seiten, empfehlen uns und bieten bundesweit Seminare zum Thema Nachhaltigkeit an. Wohnsinn wird mit Sicherheit weitere Anhänger finden, denn auch andere Landesinnungsverbände sind bereits dabei, die Idee aufzunehmen. Nachhaltigkeit bedeutet aber mehr, als eine ökologische Farbe einzusetzen. Sie ist ein Gesamtkonzept. Es umfasst die Farbgestaltung, den Umgang mit Mitarbeitern sowie weitere soziale Aspekte. In Zukunft wird man ein handwerkliches Unternehmen nur dann erfolgreich führen können, wenn man sich diesem Thema stellt.

BTH Heimtex: Wohin wird die Reise Ihrer Meinung nach noch gehen?

Hoffmann: Der Markt wird sich weiter in Richtung Ökologie bewegen müssen. Wir sind jedoch Formulierer und machen keine Grundlagenforschung für Rohstoffe. Deshalb sind wir davon abhängig, was uns an neuen, regenerativen Rohstoffen angeboten wird. Wir werden die nächsten Technologiestufen abwarten und ganz vorne dabei sein. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren ein Großteil unserer Produkte aus nachwachsenden oder regenerativen Rohstoffen sein wird. Dies gilt umso mehr, wenn der Ölpreis wieder steigt und ökologische Produktion gegenüber der Herstellung mit fossilen Stoffen günstiger wird. Caparol wird auf alle Fälle schon im kommenden Jahr mit weiteren tollen Ideen von sich reden machen.

BTH Heimtex: Apropos Rohstoffe. Deren Preis steigt und steigt. Wie bekommen Sie diese Entwicklung in den Griff?

Hoffmann: Der Kostendruck auf der Rohstoffseite ist extrem. Nicht nur Titandioxid, auch Pigmente werden drastisch teurer. Das kann man mit Preiserhöhungen allein nicht ganz abfedern. Deshalb erhöhen wir zum 1. September 2017 die Preise und versuchen darüber hinaus im eigenen Haus Kosten zu reduzieren, indem wir Prozessabläufe weiter optimieren.

cornelia.kuesel@snfachpresse.de
aus BTH Heimtex 09/17 (Wirtschaft)