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Branchentag in Wiesbaden: Es muss sich schnell etwas ändern

Handelsplattform oder "social event"?

Es war nicht der Branchenabend allein, der viele Aussteller und Besucher verärgerte. Weitreichender war, dass der 8. Branchentag in seiner Gesamtheit enttäuschte. Manchen ließ er die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Veranstaltung stellen, von der der GD Holz überzeugt ist, dass sie - ehrgeizigen Emporkömmlingen wie Kooperationsmessen zum Trotz - "das Branchenereignis schlechthin bleibt". Unumwunden auf den Punkt brachte es Parador-Geschäftsführer Volkmar Halbe: "Wir sind in Sorge, dass sich der Branchentag selbst entbehrlich macht. So, wie er in diesem Jahr durchgeführt wurde, zeigte er zu viele Schwachpunkte und zu wenig Perspektive. Wir müssen aufpassen, dass er nicht als lustlose Routine- und Pflichtveranstaltung seine Existenzberechtigung verliert."

Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit stellte sich umso mehr, als aus der Eröffnungsrede des GD-Holz-Vorsitzende Hugo Habisreutinger zu schließen war, dass Handlungsbedarf bis zum nächsten Branchentag in zwei Jahren weitgehend auf Eis gelegt ist. Die von Habisreutinger genannten Gründe: Wegen vertraglicher Bindungen muss der Branchentag 2007 noch einmal in den unvorteilhaften Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden stattfinden, und über den Veranstaltungsort 2009 und eine eventuelle Neuausrichtung soll erst nach dem Vorstandswechsel im GD-Holz entschieden werden. Das sind nach dem diesjährigen Branchentag keine guten Aussichten. "Wenn eine mögliche Neukonzeption frühestens 2009 zum Tragen kommt, kann es zu spät sein", so Volkmar Halbe. Er war nicht der einzige, der so dachte. Immerhin geht es um mehr, als darum, die Scharte des missglückten Branchenabends 2005 auszuwetzen "mit einem rauschenden Abschiedsfest 2007 in Wiesbaden", das Habisreutinger schon ankündigte.

Eine erste Manöverkritik innerhalb des GD-Holz dürfte bereits stattgefunden haben. Kaum anzunehmen, dass die schleppende Konjunktur als alleinige Erklärung für die Schlappe des diesjährigen Branchentages akzeptiert worden ist. Auch der Geldmangel und der Sparzwang beim GD-Holz können nicht für alles herhalten. Was wirklich fehlte, war das, was den Mitgliedern unermüdlich als Erfolgsrezept empfohlen wird: Ideen muss man haben. Stattdessen verlief die Veranstaltung im großen und ganzen in alten Gleisen. Und was tatsächlich neu war, erwies sich als nicht tragfähig - am "spektakulärsten" ablesbar am erstmals versuchsweise angehängten dritten Veranstaltungstag, der nach zwei auch nicht eben überlaufenen Tagen so gut wie keine Besucher hatte. Es herrschte gähnende Leere.

Will der Branchentag künftig zum social event' werden (man sieht sich...) oder will er Informations- und Handelsplattform bleiben?

Natürlich nicht randscharf, sondern mit fließenden Übergängen wird sich eine Alternative ergeben müssen. Ein Branchentag, bei dem sich die Aussteller gegenseitig besuchen und begutachten, sich auf die Schulter klopfen und im Grunde nur ausharren, weil sie vermeintlich "müssen", aber nicht eigentlich "wollen" - auf Dauer eine traurige Vorstellung. Nur: Der Funktion als Informations- und Handelsplattform droht auch Gefahr. Denn für die mit dem Branchentag verbundene "Messe" wird die Luft dünner: Durch die zeitnahe Domotex, die Hausmessen namhafter Hersteller und die Eigenveranstaltungen der großen Holzhandels-Kooperationen. Vor allem wegen der drei Monate später stattfindenden Domotex wagen es immer weniger Hersteller bzw. Aussteller, ihre Neuentwicklungen schon in Wiesbaden aus dem Sack zu lassen. In heutiger Zeit sind Neuentwicklungen ruck-zuck kopiert. Der Branchentag büßt also Aktualität ein, und er entbindet den Handel nicht davon, auch zur Domotex zu fahren.

Da ist zunehmend die Frage des Geldes, das nicht mehr so locker sitzt. Ein Tag Wiesbaden mit Anfahrt, Eintrittsgeld, Übernachtung und allem Drum und Dran kostet eine Person locker 500 EUR, eine Teilnahme am Branchenabend nicht eingerechnet. Das ist für ein social event' oder für drei Monate Informationsvorsprung - wenn es den dann noch zu gewinnen gibt - einfach zu viel. Nicht nur Besucher, sondern auch Aussteller erlebten den Branchentag als teuer ("teurer als die Domotex") und letztlich zu teuer, "weil die Kosten/Nutzen-Relation nicht stimmt".

Auch weitere Einwände müssen dem GD-Holz zu denken geben:
- Es gibt den Argwohn, dass es zu einer "schleichenden Entfremdung" des GD-Holz von seinen originären Aufgaben als Interessenverband kommen könnte, weil von einigen "die Tendenz einer zunehmenden Kommerzialisierung des Branchentages" wahrgenommen wird. Fakt ist: Er muss über Standmieten, Eintrittsgelder, Sponsoren und andere Einnahmequellen finanziert werden und lässt den GD-Holz immer mehr zum Unternehmer und Sponsorenjäger werden.

- Bemängelt wurde, dass sich hinter scheinbar neutralen "Workshops" rein gewerbliche Anbieter verbargen. Die Vortragenden bekamen vom GD Holz Podium und Saal gestellt, während ihre Wettbewerber teure Standmieten zahlen mussten.

- Die zeitlichen Lücken zwischen den Workshops wurden von Ko-operationen für eigene Treffen genutzt. Aufgrund hoher Mitgliederzahlen banden sie für lange Zeit viele Besucher an sich, die sie damit anderen Ausstellern "abfischten".

- Bei den Ausstellern wurde Klage geführt über ungleiche Chancen in den verschiedenen Hallen. Die Halle 1 mit der Sonderschau Flooring' ist aufgrund ihrer Lage eindeutig privilegiert, die übrigen Hallen haben dagegen keine faire Chance. Das sagte ein privilegierter Teilnehmer der Sonderschau Flooring', nämlich wiederum Volkmar Halbe.

Es gab noch manchen anderen Schwachpunkt. Verschwiegen werden soll aber nicht, dass es durchaus auch zufriedene Aussteller und Besucher gab. Auf den Branchentag verzichten möchte keiner. Umso mehr ist der GD Holz gefordert. Mit einigen seiner Angebote dem "Zukunftssymposium" beispielsweise - war er in letzter Zeit auf gutem und erfolgreichem Weg. Die Resonanz zeigte es. Warum nicht solche besucherintensiven Veranstaltungen mit dem Branchentag koppeln, Synergieeffekte nutzen? Der große Saal in den Rhein-Main-Hallen, der früher bei Branchentag-Vorträgen meist knüppeldicke voll war, war in diesem Jahr verwaist. Mit einer Veranstaltung ähnlich dem Zukunftssymposium wäre er wieder zu füllen. Schon in zwei Jahren. Und dort kann es dann heißen: Auf Wiedersehen 2009 in Köln - oder anderswo. Hauptsache, der Branchentag findet bis dahin seine Form.

Inge Hagemann
aus Parkett Magazin 06/05 (Wirtschaft)