ePrivacy and GPDR Cookie Consent by CookieConsent.com

Justus M. Schmitz, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie

"Gemeinsam nach vorne schauen"

Jahreswechsel rufen in schöner Regelmäßigkeit danach, einen Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate zu werfen, Analysen zu formulieren und daraus möglichst erste vorsichtige Schlüsse und Prognosen für das neue Jahr zu ziehen. Für das zu Ende gegangene Jahr ist das schwieriger denn je. Wie kaum ein Jahr zuvor zeichnet sich 2005 als Jahr voller Überraschungen und gegensätzlicher Entwicklungen aus. Der politische und wirtschaftliche "Achterbahn-Kurs" in unserem Land hat selbst kurzfristige Prognosen nahezu unmöglich gemacht und vieles von dem, was Wirtschafts- und Finanzexperten an Erwartungen formulierten, musste wenig später revidiert werden.

Lassen Sie mich einen Blick auf die beherrschenden Themen im Jahr 2005 werfen: Arbeitsmarktsituation und damit unmittelbar verbunden das Thema Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Korruptionsskandale in der deutschen Großindustrie, ins unermesslich steigende Energiepreise, die Unsicherheit mit Blick auf Renten, Krankenversicherungsbeiträge, Mehrwertsteuererhöhung, Neuwahlen, das personelle Hick-Hack während der Koalitionsverhandlungen und schließlich die große Koalition. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, trifft auf die nationale Nachrichten-Auslese des vergangenen Jahres wohl am treffendsten die Erkenntnis zu, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind.

Schlagzeilen, die das Klima hierzulande nicht gerade positiv beeinflussen und stattdessen bei den meisten Bundesbürgern eher zu Unsicherheit und Skepsis mit Blick auf ihre Zukunft geführt haben. Themen auch, die die Verdrossenheit und Mutlosigkeit vieler Menschen im Lande geschürt und bekräftigt haben. Das ist fatal, denn die Auswirkungen sind weit reichend und treffen auch uns als Heim- und Haustextilienbranche empfindlich. Die Binnennachfrage lässt nach wie vor zu wünschen übrig, da sich die Bundesbürger weiterhin in Konsumzurückhaltung üben. Ausgeglichen wird dieser anhaltende Nachfragestau derzeit erfreulicherweise durch das gute Auslandsgeschäft. Die Chancen, dass es mit dem privaten Konsum deutlich aufwärts geht, hängen in starkem Maß davon ab, wie Energiepreise, Verbrauchssteuern und der Wegfall von Steuerentlastungen das Budget der Bürger einschränken. Ob der vollzogene Abschluss der Koalitionsvereinbarungen sowie der Amtsantritt der neuen Regierung die notwendige Aufbruchsstimmung erzeugen kann, bleibt weiterhin abzuwarten. Ebenso inwieweit kurzfristig von der Binnennachfrage Impulse für die Wirtschaft ausgehen können.

Allerdings gibt es auch Prognosen wie etwa die des Kölner Instituts für Wirtschaft (IW), die der deutschen Wirtschaft für 2006 einen leichten Auftrieb bescheinigen. Laut IW wird sich das lebhafte Auslandgeschäft deutscher Firmen (plus 5,3 Prozent im Jahr 2005) positiv auf die Investitionstätigkeit niederschlagen. Mit Blick auf den privaten Konsum erscheint dem IW nach einem realen Rückgang von 0,2 Prozent im zu Ende gehenden Jahr für 2006 ein Zuwachs von 0,3 Prozent möglich. Gleichzeitig schränken auch die Kölner ein, dass ein Konjunkturaufschwung ganz wesentlich davon abhängt, welchen Kurs die künftige Bundesregierung einschlägt, ob der Ölpreis nicht erneut nennenswert anzieht und ob die Tarifabschlüsse weiterhin moderat ausfallen.

Was mir in diesem Zusammenhang wichtiger erscheint als die exakte Berechnung der Stelle hinter dem Komma ist die Tatsache, dass wir hierzulande dringend wieder positive Impulse - nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht - benötigen. Negative, entmutigende Nachrichten bekommen wir gewissermaßen jeden Tag "frei Haus" geliefert. Jetzt ist es an der Zeit, die positiven Beispiele, die es ohne Frage gibt, zu sehen und zu hören. Wir - und damit meine ich unsere Gesellschaft im Allgemeinen - brauchen solche Mut machenden Beispiele von Menschen und von Unternehmen, die mit Visionen, guten Konzepten einer gehörigen Portion Engagement und Empathie etwas bewegen wollen. Andernfalls laufen wir Gefahr, durch permanentes Jammern und Klagen auf internationalem Terrain den wirtschaftlichen Anschluss zu verpassen. Eine Haltung, die ohnehin bereits vielfach bei unseren europäischen Nachbarn aber auch in den USA und in Asien auf Unverständnis stößt.

Besinnen wir uns deshalb auf unsere Stärken. Als Wirtschafts- und Industrienation ebenso wie jeder einzelne als Individuum in seinem ganz persönlichen Umfeld. Und wenn wir etwas genauer hinschauen, finden wir durchaus lobenswerte "Mutmacher-Ansätze". So fiel mir kürzlich ein Buchtitel ins Auge, der genau zu diesem Thema passt: "Kopf hoch Deutschland" heißt das Buch des ehemaligen "Spiegel"-Journalisten Hajo Schumacher, in dem der Autor die These vertritt, dass sich hierzulande viel mehr in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bewegt als gemeinhin angenommen wird. Oder das neue Buch von Zukunftsforscher Matthias Horx "Wie wir leben werden". Unsere Zukunft beginnt jetzt - so der Horx'sche Ansatz -, und zwar geprägt von uns Menschen. Was uns erwarten könnte, fasst der Autor in diesem Buch unterhaltsam zusammen und gibt zugleich viele Anregungen für einen optimistischen Blick in die Zukunft.

Zum Thema Mut machen und für Aufbruchstimmung sorgen, läuft seit Herbst 2005 eine bundesweite Initiative, auf die ich hier kurz eingehen möchte. "Du bist Deutschland" lautet der sehr einprägsame Slogan dieser Werbekampagne, deren erklärtes Ziel es ist, zu einer neuen Aufbruchstimmung in Deutschland beizutragen. Dazu haben sich in einer bislang einmaligen Aktion 25 führende (zum Teil konkurrierende) Mediaunternehmen zusammengetan, die dafür unentgeltlich ein Mediavolumen von 30 Mill. Euro zur Verfügung stellen. Herzstück der bis Januar 2006 laufenden Kampagne sind unterschiedliche TV- und Kino-Spots, in denen mehr als 40 prominente und nicht prominente Bürger ihr "Manifest" für Deutschland formulieren. Eindringlich, einfühlsam, den richtigen Nerv treffend - eine Kampagne, hinter der ein gutes und schlüssiges Konzept steht. Eine Kampagne, die keinen kommerziellen Zweck verfolgt, sondern schlicht und ergreifend Mut machen, wachrütteln, motivieren und anspornen will.

"Deutschland redet sich selbst schlecht. Dagegen wollen wir mit diesem bislang einmaligen Schulterschluss einen Impuls setzen und einen Bewusstseinswandel für mehr Selbstvertrauen und Motivation anstoßen. Wir müssen Schluss machen mit Unsicherheit und Verzagtheit und wir wollen jeden Einzelnen daran erinnern, dass sein Beitrag für dieses Land wichtig ist." So fassten der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, Dr. Bernd Kundrun, und der Leiter des ZDF-Hauptstadtbüros, Dr. Peter Frey, als Mitinitiatoren die Zielsetzung der Kampagne zusammen.

Und auch wenn es schon wieder kritische Pressestimmen gibt, die in den Slogan nationalistische Motive hineininterpretieren wollen, zeigt die Resonanz der Bürger in diesem Lande, dass die Kampagne genau den richtigen Nerv trifft und dass sich die Menschen angesprochen fühlen. So wurde parallel zur TV- und Anzeigenkampagne im Internet eine Website frei geschaltet, auf der sich alle Interessierten mit eigenen Statements anschließen konnten. Über 20.000 Zugriffe in den ersten Sekunden und über eine Million Zugriffe in der ersten Stunde der Kampagne sprechen wohl eine eindeutige Sprache. Auch das macht, wie ich finde Mut und sollte uns alle anspornen, mit positiven Gedanken in das neue Jahr zu starten. Vielleicht kommt jetzt auch endlich der vom früheren Bundespräsidenten Herzog geforderte "Ruck", der durch Deutschland gehen müsse.

Auf unsere Branche übertragen, lassen Sie mich abschließend folgendes festhalten: qualitativ hochwertige Produkte wie die unserer Heim- und Haustextilienindustrie sind wertbeständig und halten jedem internationalen Vergleich mühelos stand. Gleichwohl sollten wir als Unternehmer auch Platz lassen für frische und mutige Ideen, die sich fernab der eingetrampelten Gedankenpfade bewegen. Nutzen wir deshalb die Messen zum Jahresauftakt, um Produkte anzubieten und zu verkaufen, mit den Partnern im Handel Erfahrungen und Meinungen auszutauschen und gemeinsam optimistisch in ein erfolgreiches Jahr 2006 zu starten. Und bauen wir auf engagierte Menschen und Mitarbeiter, auf ein Land und eine Wirtschaftskraft mit Perspektiven. Lassen Sie uns gemeinsam nach vorne schauen!
aus Haustex 01/06 (Wirtschaft)