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Im Profil: Marc Assa

"Ich schaue immer nur nach vorn, nicht zurück"

Vor gut zwei Jahren übernahm Marc Assa kurzerhand das Ruder bei Tarkett Sommer, als der damalige Vorstandsvorsitzende Lars Wisén überraschend die Segel strich. Inzwischen ist der Bodenbelagskonzern wieder auf Kurs und Assa in seine ursprüngliche Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender zurückgekehrt. Dass er Unternehmen führen kann, hat der Luxemburger bereits bei Sommer Allibert bewiesen, wo sich unter seiner Regie der Automobilzuliefer-Umsatz auf 4 Mrd. DM verzehnfacht hat. Was ist das für ein Mann? Claudia Steinert hat in Paris mit ihm gesprochen.

Er ist kein Manager zum Anfassen. Keiner, der es schätzt, wenn ihm Untergebene kumpelhaft auf die Schulter klopfen. Wenn der hochgewachsene Marc Assa mit langen Schritten die großzügige Halle in der Sommer-Zentrale im Pariser Büroviertel Nanterre durchmisst, grüßen ihn die Vorbeigehenden respektvoll, fast ehrfürchtig. Er erweckt nicht allein durch seine distinguierte, über 1,95 m große Erscheinung oder seinen Status Achtung, sondern durch seine Leistung: Der Luxemburger trägt seit über dreißig Jahren unternehmerische Verantwortung, dirigiert seit langem die Sommer-Gruppe - bis vor kurzem Sommer Allibert - und gilt als Mann des Vertrauens der "grauen Eminenz" Bernard Deconinck, der mit seiner Familie den Großteil des milliardenschweren Unternehmen besitzt.

Noch vor einigen Jahren war Sommer-Allibert ein Mischkonzern mit so verschiedenen Tätigkeitsfeldern wie Bodenbelägen, Badmöbeln, Gartenmöbeln und Automobilausstattung. Mittlerweile konzentriert sich der Mehrheitseigner von Tarkett Sommer auf seine Kernaktivitäten Bodenbeläge.

Assa hat alle anderen Geschäftsbereiche abgestoßen; bis auf die junge, noch kleine, aber sehr vielversprechende Sparte Kosmetikverpackungen. Zuletzt im Oktober 2000 das Automobilzuliefergeschäft, - eine komplizierte Transaktion, die auch den alten Namen Sommer-Allibert mit einschloss - in dem ein Umsatz von zuletzt 4 Mrd. DM nicht ausgereicht hat, um international ganz vorne mitzuspielen. Und das will Assa. Er will weltweit zu den Marktführern gehören. Bei Bodenbelägen sind die Chancen besser: In Europa sind die Franzosen mit Tarkett Sommer bereits die Nr. 1. Die Pole Position ist jetzt auch auf den anderen Kontinenten das Ziel.

Kein "Abschiedsschmerz" bei der Trennung vom Automobilgeschäft, das er jahrelang persönlich begleitet und zu seiner heutigen Größe geführt hat? Nein, antwortet er ohne Zögern auf die entsprechende Bemerkung. Strategisch sei die Entscheidung die einzig richtige gewesen. Man habe im Vorfeld verschiedene Optionen durchleuchtet - Allianzen, Fusionen, die Forcierung beider Zweige, Automobil und Bodenbeläge - aber keine wäre besser gewesen. "Von der jetzigen Lösung profitieren alle: Wir als Verkäufer, Käufer Faurecia, die Aktionäre und unsere Mitarbeiter."

Und warum die Trennung vom - profitableren - Automobilbereich und nicht von den Bodenbelägen, die noch unter den Nachwehen der '97er Fusion zwischen Tarkett und Sommer leiden? "Weil man als Zulieferer im Automobilbereich sehr hohe Entwicklungskosten aufbringen muss. Diese finanziellen Vorleistungen hätten uns über Gebühr angestrengt."

Stattdessen fließt Sommer jetzt Geld zu. Viel Geld: 1,48 Mrd. Euro, fast 2,9 Mrd. DM bezahlt die Peugeot-Tochter Faurecia für die Automobil-Aktivitäten der Franzosen. Das ist 7,5mal das EBITDA gerechnet oder 0,7 des Umsatzes. Davon soll Tarkett Sommer profitieren. In einer persönlichen Botschaft an die Mitarbeiter des Bodenbelagsproduzenten hat Bernard Deconinck bekräftigt, dass seine Familie als Hauptanteilseigner an dem Unternehmen festhalte und die finanziellen Ressourcen aus dem Verkauf der Automobilsparte in diesem Sinne einsetzen will.

Ist das Milliarden-Geschäft der größte Erfolg in seiner Karriere? Bei der Frage überlegt Assa einige Sekunden lang, um dann einfach zu antworten: "Ich habe noch nie darüber nachgedacht, was der größte Erfolg meiner Karriere war. Ich schaue nicht zurück, nur nach vorn. Mich interessiert nicht mehr, was gestern war. Mich interessiert nur, was morgen ist."

Und momentan interessiert es ihn, Tarkett Sommer weiter nach vorne zu bringen. Das kann er nicht allein und dass weiß er auch. Er braucht Mitstreiter. Das hält Assa ohnehin für eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Manager: eine Mannschaft, auf die er sich verlassen kann. "Ohne Team geht es nicht. Alleine erreicht man gar nichts."

Er stützt und fördert Mitarbeiter, bei denen er Ehrgeiz, Biss, Gestaltungswillen - und Loyalität - erkennt. Beim schnellen Lunch mit dem Gast aus Deutschland und Thierry de Roquemaurel, der für den französischen Objektmarkt zuständig ist, informiert er sich schnell und gezielt über die aktuelle Geschäftssituation. Widmet seinem Gegenüber volle Aufmerksamkeit, fragt präzise nach, ermuntert zu ausführlichen, genauen Darstellungen. Zwischendurch lockert er das Gespräch auf, wirft amüsante Begebenheiten aus seinen Berufserfahrungen mit ein.

Das alles im fließenden Wechsel zwischen Englisch, Französisch und Deutsch. Assas Deutsch ist gut. Er formuliert sorgfältig, bedient sich eines gewählten Wortschatzes, versteht selbst auch feine Nuancierungen. Gelegentlich fällt ihm eine Vokabel nicht auf Anhieb ein, dann flicht er die französische Entsprechung ein, was charmant klingt.

Beim Essen hält er sich diszipliniert zurück. Obgleich der Koch im Sommer-Casino sein Handwerk versteht, isst er nur wenig, trinkt auch nur einen kleinen Schluck Wein. Assa hält auf sich. Will nicht nur geistig, sondern auch körperlich fit sein. Morgens, bevor er von seiner Wohnung im Nobelviertel Neuilly ins wenige Minuten entfernte Büro fährt, joggt er gewöhnlich im direkt vor seiner Haustür gelegenen Bois de Boulogne, der grünen Lunge von Paris. Auch abends verzichtet er auf Völlerei; höchstens gönnt er sich Frutti di Mare fritti im "Le Carpaccio" im Hotel Royal Monceau, das als bester Italiener in der an gastronomischen Oasen sicher nicht armen französischen Hauptstadt gilt.

Wenn der kultivierte Luxemburger auch um die Bedeutung guter Mitarbeiter weiß, eins ist klar: Der Chef heißt Marc Assa. Er trifft die Entscheidungen. Und er trifft sie gerne. Das war es auch, was ihn bewogen hat, Führungspositionen anzustreben. Nicht Macht, nicht Geld - "ich entscheide gerne", sagt er schlicht auf die Frage nach der Triebfeder, die ihn bis an die Spitze eines Konzerns gebracht hat. "Meine Karriere erhielt immer bedeutende Impulse, wenn ich Entscheidungen treffen musste - selbst wenn es nicht immer die richtigen waren." In der Mehrzahl müssen es aber doch die richtigen Entscheidungen gewesen sein, sonst würde Assa nicht seine heutige Position bekleiden. Das Risiko, in die falsche Richtung zu gehen, gehört für ihn dazu - aber: "Viele Unternehmen leiden stärker unter nicht getroffenen Entscheidungen als unter falschen."

Was muss ein guter Manager außer Entscheidungswillen noch mitbringen? "Er muss klar strategisch denken, er muss motivieren können, er muss realitätsbewusst sein und er muss flexibel im Kopf sein." Denn heute bewege sich die ganze Welt viel schneller als noch vor wenigen Jahren. Das erfordere geistige Mobilität.

Und was sieht Assa als seine persönliche Stärken an? "Erstens Ruhe. Ich entscheide schnell, aber nicht übereilt. Noch nie habe ich eine Entscheidung unter Stress getroffen. Zweitens Neugier. Mich macht neugierig, was ich noch nicht kenne und ich störe mich auch nicht an manchmal hartnäckigem Widerstand gegen Neues." Die Neugierde ist im übrigen ein Charakterzug, der Assa bei seinem Mentor Bernard Deconinck imponiert. Der mittlerweile 81jährige sei bewunderswert wach und interessiert: "Der denkt nur an die Zukunft."

Nicht zuletzt hat Assa gelernt, nie "nie" zu sagen. Denn was gestern noch falsch war, kann heute richtig sein. "Man muss den Mut haben wieder umzukehren, wenn man merkt, dass man in eine Sackgasse marschiert ist."

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Zur Person

Marc Assa, 1941 in Luxemburg geboren, absolvierte seine Ausbildung an der Pariser Business School HEC und der elitären Management-Schule Insead in Fontainebleau. Eigentlich wiesen ihn seine Studienschwerpunkte mehr in Richtung Unternehmensberatung oder Bank, aber er entschied sich für die Ölindustrie und startete seine Karriere 1966 bei der Chevron Oil Company in Brüssel.

Schon 1968 wandte er sich der Bodenbelagsindustrie zu: Zunächst leitete er als Generaldirektor die Balamundi-Tochter Eurofloor in Luxemburg, stieg 1974 in den Vorstand der Muttergesellschaft auf und kam durch die Übernahme von Balamundi durch Sommer zur französischen Sommer Allibert-Gruppe.

Hier war er erst Mitglied, ab 1981 Vorsitzender des Vorstands von Sommer, wurde 1984 zum Generaldirektor Bodenbeläge bei Sommer Allibert, 1985 zusätzlich zum Vorstandsvorsitzenden der Automobil-Tochter SAI Automotive und schließlich 1990 zum Vorstandsvorsitzenden von Sommer Allibert berufen. Als die französische Gruppe 1997 Tarkett Pegulan übernahm, wurde er zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Bodenbelagstochter bestellt.

Nach dem kurzfristigen Ausscheiden des damaligen Tarkett Sommer-Vorstandsvorsitzenden Lars Wisén im Oktober 1998 sprang Assa als Mann des Vertrauens des französischen Mehrheitsaktionärs kurzerhand ein, um den schlingernden Bodenbelagskonzern wieder auf Kurs zu bringen und ließ sein Aufsichtsrats-Mandat so lange ruhen.

Mitte September 2000 sah der Luxemburger seine Aufgabe bei Tarkett Sommer als beendet an und kehrte wieder in den Aufsichtsratsvorsitz zurück. Parallel lenkt er den französischen Mehrheitseigner Sommer.

Von 1987 bis 2000 war Assa Vorsitzender des luxemburgischen Arbeitgeberverbandes, ist darüber hinaus Mitglied in zahlreichen Verwaltungs (=Aufsichts)räten, unter anderem bei Arbed Luxemburg, Axa Luxemburg, Goodyear Luxemburg, Banque International Luxemburg, Zodiac Paris und gehört auch dem Beirat der Deutschen Bank an.

Marc Assa ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Luxemburg, Paris und Cannes.
aus BTH Heimtex 01/01 (Personalien)