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Deutsche Heimtextilien-Industrie: Jahrestagung in Wuppertal

Auf neuem Kurs

Seit der letzten Tagung des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie vor zwei Jahren hat sich einiges in und um die Organisation bewegt. Nur kurz erwähnt sei die globale Wirtschaftskrise, die alle Branchen traf, jedoch die ohnehin mit Strukturproblemen kämpfenden Textilhersteller vor besondere Herausforderungen stellte. Für die Position des Verbandes - und seine Zukunft - viel mehr wiegen allerdings die internen Veränderungen: Neue Geschäftsführung, neue Aufgabenfelder, neue Schwerpunkte. Auch an der Verbandsspitze gab es einen Wechsel: Der vorherige Präsident Johannes Schulte (Vorwerk) stellte sich aus persönlichen Gründen nicht zur Wiederwahl, zu seinem Nachfolger wurde der bisherige Stellvertreter Bernd Kout (Gebr. Munzert) gewählt.

Die prunkvolle Ausstattung der historischen Stadthalle Wuppertals kündet davon, dass in der Stadt früher florierende Industrie beheimatet gewesen sein muss. Tatsächlich liegen im engen Tal der Wupper, an dem sich kilometerlang die Bebauung erstreckt und die Hänge hochklettert, einige der Wurzeln der deutschen Textilindustrie, wie aus der historischen Bezeichnung "das bergische Manchester" ersichtlich wird. Da lag es nahe, dass der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie seine Mitglieder zur diesjährigen Tagung an diesen geschichtsträchtigen Ort einlud - zumal der Verband selbst dort seit vielen Jahren residiert.

Dabei ging es der Verbandsspitze keinesfalls darum, nostalgisch in der Vergangenheit zu schwelgen. Ganz im Gegenteil: Sie wollte mit einer ganz anders als früher gelagerten Veranstaltung, die auch zum ersten Mal rein im verbandsinternen Kreis stattfand, einen deutlichen Kurswechsel signalisieren. Nach dem Wechsel in der Geschäftsführung vor genau einem Jahr - Hans Joachim Schilgen war damals aufgrund differierender Auffassungen über die künftige Verbandsstrategie ausgeschieden, der vorherige Verbandsjustiziar Martin Auerbach rückte nach - hat der Verband 2010 einige "wichtige und erfolgreiche Richtungsanpassungen" vollzogen. Priorität hat generell, den Mitgliedern "vor allem in schwierigen Zeiten wertvolle Unterstützung bei der Bewältigung des Tagesgeschäftes" zu geben. Daher kümmert sich der Verband um alles, was für den Bestand und das erfolgreiche Wirken seiner Anschlussunternehmen bedeutsam ist, wofür im Betriebsalltag aber oft zu wenig Manpower, Zeit oder Wissen vorhanden ist. Das sind vor allem viele technische, normative, juristische und auch globalwirtschaftliche Themen - und auch die polistische Lobby-Arbeit.

Speziell im Bereich Recht will der Verband seinen Mitgliedern umfassend und kompetent beistehen. So wurden beispielsweise neue Mitarbeiter eingestellt, die sich gezielt um Forderungsmanagement kümmern, Geschäftsführer Martin Auerbach selbst engagiert sich stark im Urheber- und Wettbewerbsrecht, das angesichts hoher Entwicklungskosten gerade für mittelständische Unternehmen hohen Stellenwert hat. Anhand einiger kurioser Beispiele wie den angeblich mit Kaschmir oder Kamelhaaren gefüllten Bettdecken, die nach einer Prüfung nicht ein einziges dieser hochwertigen Tierhaare enthielten, oder den ominösen kreislauffördernden Möbelstoffen gab er einen Einblick in Fälle, mit denen er sich im Laufe dieses Jahres beschäftigt hat.

Dipl. Kauffrau Barbara Schmidt-Zock berichtete als Leiterin der Referate Wirtschaft/Statistik, Außenhandel, Messen und Öffentlichkeitsarbeit über die Arbeit des Verbandes in diesen Bereichen und brachte aktuelle Zahlen zur Konjuktureinschätzung und Umsatzentwicklung der Mitglieder mit. "Der Bereich Statistik zählt zu den Kernaufgaben eines Verbandes und dient als Orientierung und Benchmark für Unternehmens- und Branchenzwecke."

Dipl.-Textilingenieur und Sicherheitsingenieur Gerhard Sperling befasst sich als Leiter der Referate Technik, Normung, Umwelt und Sicherheit mit diesen in ihrer Bedeutung häufig unterschätzten Themen. Er stellte unter anderem die neue Dienstleistung des Verbandes im Bereich Arbeitssicherheit und die überarbeitete Möbelstoff-Broschüre vor, die nach der letzten, seit 2006 vergriffenen Auflage aufgrund starker Nachfrage in Angriff genommen wurde und nun Anfang 2011 erscheint.

Ein wesentlicher Punkt der diesjährigen Tagung waren die turnusgemäßen Vorstandswahlen. Der bisherige Verbandspräses Johannes Schulte (Vorwerk) hatte nach vierjähriger Amtszeit aus persönlichen Gründen auf eine erneute Kandidatur verzichtet. Ihm folgte sein bisheriger Stellvertreter Bernd Kout (Gebr.Munzert). Dessen Platz als stellvertretender Vorsitzender nahm Justus Schmitz (Schmitz-Werke) ein, der selbst schon einmal Vorsitzender war. Aufgrund eines beruflichen Wechsels von Hubert Günther, der zwölf Jahre lang als Schatzmeister fungierte, musste diese Stellung neu besetzt werden. Künftig wacht Harald Cleven (Longlife Teppichboden) über die Finanzen des Verbandes. Weiterhin in den Vorstand gewählt wurden Erwin Landherr (Anker) als Sprecher der Teppichindustrie, Johannes Schulte als sein Stellvertreter, Klaus Dieter Kremers (Paradies) als Sprecher der Fachgruppe Bettwaren-Industrie sowie der Ehrenvorsitzende Peter Schwartze.

Bernd Kout, ein bodenständiger, leutseliger, umgänglicher Mann, dankte seinem Vorgänger Johannes Schulte in seiner Antrittsrede für seinen "enormen Einsatz für den Verband und die Industrie". Mit Schultes maßgeblicher Unterstützung habe der Verband insbesondere im vergangenen Jahr sehr viel bewegt und die Weichen für die Zukunft gestellt. Langanhaltender Applaus bestätigte Kouts Aussage. Dann ließ der neue Vorsitzende noch einmal kurz die Wirtschaftskrise Revue passieren. Inzwischen zeige die Binnenkonjunktur eine positive Entwicklung, die bedauerlicherweise in der Heimtextilienbranche abgeschwächt und verzögert ankomme. Dennoch habe sich die Gesamtsituation der Branche deutlich entspannt. "Die Mitglieder unseres Verbandes beurteilen die wirtschaftliche Situation als befriedigend."

Als ein nicht zu unterschätzendes Problem sieht Kout die anhaltend schwierige Rohstoffsituation. "Die zunehmende Nachfrage aus China und den Schwellenländern sowie witterungsbedingte Ernteausfälle vor allem bei der Baumwolle führen zu einer Verknappung, die die Rohstoffpreise in die Höhe treibt." Erschwert würde die Versorgungslage durch den Ausfall europäischer Garnhersteller. Unter der Mitwirkung des Heimtextilienverbandes hat der Dachverband Textil + Mode ein Positionspapier erarbeitet, mit dem die politischen Entscheidungsträger über die prekäre Rohstoffsituation und ihre Auswirkungen auf die deutsche Textil- und Modeindustrie hingewiesen werden. Das ist ein erster Schritt dahin, durch mehr Geschlossenheit und gemeinschaftliches Auftreten mehr Gehör in Berlin - und in Brüssel - zu finden.

MdB-Mitglied Jürgen Hardt, der in Wuppertal als Gastredner auftrat, kann das gleich mit in die Hauptstadt nehmen. Er versicherte dem Publikum, dass sich die Politiker in Berlin durchaus diverser Themen und Probleme der Branche bewusst seien und an deren Lösung arbeiteten. Er appellierte an das Publikum und besonders an den Verband, die Arbeit der Parteien diesbezüglich kritisch und konstruktiv zu begleiten.

Rechtsanwalt Mark Wilmking von der lokalen Kanzlei Dr. Hopfgarten ist unter anderem Experte im Erbrecht - ein Gebiet, mit dem sich gerade Familienunternehner nolens volens befassen müssen, wenn es um die Nachfolge geht. Der Jurist gab einen Überblick über das komplexe Thema und wies dabei auf Schwächen in der Zukunftsplanung hin.

Über die "Führungskultur in Deutschland - Aufbruch in neue Zeiten" hielt Prof. Dr. Eugen Buß einen ausgesprochen interessanten Vortrag, der indes polarisierte. Eigentlich war es mehr eine Vorlesung, in der der habilitierte Soziologe eine rasante Tour de Force durch aktuelle gesellschaftliche Strömungen, Tendenzen und Entwicklungen vollzog, die viele bemerkenswerte Erkenntnisse barg, doch in ihrer Fülle - und auch im Tempo des Referenten - eine Herausforderung für das Auditorium war.
aus BTH Heimtex 12/10 (Wirtschaft)