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Gardinia Home Décor - Interview mit Reinhard Heidemann, Geschäftsführender Gesellschafter

"Wir setzen auf eine konsequente Trennung der Vertriebsschienen"

Nach turbulenten Jahren mit Eigentümerwechseln und Strategieänderungen hat die Gardinia-Gruppe nun ruhigeres Fahrwasser erreicht, sich neu positioniert und will mit einem qualitätsorientierten Service- und Marketingkonzept die beiden eingeführten Marken Gardinia und Alugard im deutschsprachigen und osteuropäischen Vertriebsgebiet stärken. BTH HeimtexRedakteurin Petra Lepp-Arnold sprach mit Reinhard Heidemann, der das Unternehmen 2006 mit einem Management-Buyout als Mehrheitsgesellschafter übernahm, über die Reorganisation, Standortfaktoren, Produkt- und Markenpolitik sowie Perspektiven und Visionen.

BTH Heimtex: Herr Heidemann, seit Dezember 2006 sind sie Mehrheitsgesellschafter bei Gardinia Home Decor. Seitdem hat sich einiges bei Ihrem Unternehmen getan. Was hat sich geändert und wie sind Sie heute aufgestellt?

Reinhard Heidemann: Das erste Jahr nach dem Management-Buyout war mit Restrukturierungsmaßnahmen verbunden. Es gab einiges nachzuholen, was während der Zugehörigkeit zur Newell Rubbermaid Cooperation versäumt wurde.

Im Juni 2007 haben wir die Sockelleisten-Sparte an Dölken in Gladbeck abgegeben, weil wir uns künftig voll auf unsere Kernsegmente Sonnenschutz und Dekorationstechnik mit den beiden Vertriebsbereichen Gardinia und Alugard konzentrieren wollen.

Zudem mussten wir uns zu dem schmerzhaften Schritt entschließen, insgesamt 100 Arbeitsplätze abzubauen. Aber dies war unausweichlich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es war eine gute Entscheidung, dass Gardinia wieder in Familienhand überführt wurde, auch für die Belegschaft. Gerade die Kontinuität im Team ist immer eine unserer Stärken gewesen. Wir beschäftigen langjährige Mitarbeiter im Außen- und Innendienst, die uns trotz der schwierigen Situation unter Newell immer die Stange gehalten haben.

Denn dass diese Ära nun ein glückliches Ende fand, war nicht vorauszusehen. Die Amerikaner konnten sich mit der Sonnenschutz-Branche in Europa nie richtig anfreunden und verloren viel Geld, weil sie die unterschiedlichen europäischen Märkte strategisch nicht berücksichtigt hatten.

BTH Heimtex: Im Sonnenschutz-Metier bestens zu Hause ist hingegen Ihr Mitgesellschafter, der niederländische Komponentenhersteller Hunter Douglas, der ja immer auch ein Lieferant von Gardinia war. Wie gestaltet sich denn die Kooperation mit dem Weltkonzern?

Heidemann: Unsere Zusammenarbeit mit Hunter Douglas läuft hervorragend. Wir sind beides Familienunternehmen, insofern liegen unsere Interessen sehr nahe beieinander und ich denke, wir haben eine gute Zukunft. Wir verfolgen natürlich unsere eigene Unternehmensphilosophie, die hier im Hause bestimmt wird. Aber wir nutzen nach Möglichkeit auch die Synergieeffekte, die sich anbieten.

BTH Heimtex: Und Sie polieren Ihre Marken wieder auf. Mit Gardinia für den DIY-Bereich und Alugard für den Fachhandel gehen Sie jetzt richtig in die Offensive...

Heidemann: Ja, gleich nach der Firmenübernahme haben wir unser Fachhandelssortiment wieder in Alugard statt Kirsch umbenannt, einfach um mit der Namensänderung zu dokumentieren, dass wir wieder an die alte Stärke der Gardinia-Gruppe anknüpfen wollen.

Die Marke Alugard hat einen sehr guten Ruf beim Raumausstatter. Das spiegelt sich auch in konkreten Zahlen wider, denn wir wachsen im Fachhandelsbereich zur Zeit sehr stark und schreiben heute ein zweistelliges Plus. Die Umstellung der Kollektionen erfolgt Step-by-step und wird zur Heimtextil-Messe 2009 komplett abgeschlossen sein. Unser Ziel ist ganz klar: Wir möchten mit Alugard keine SB-Ware verbinden, sondern setzen auf eine konsequente Trennung der beiden Vertriebsschienen, im Außen- und Innendienst sowie im Produktmanagement. Für Alugard arbeiten alleine 15 Außendienstmitarbeiter. Zudem vertreiben diverse Großhändler unser Programm.

Tatsache ist doch, dass bei einem Verkaufsgespräch mit einem Einkäufer im Baumarkt andere Themen im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel Warenumschlag und Gross-Margen, als bei einem Raumausstatter, der höhere technische Ansprüche an die Produkte und ihren Einsatzzweck legt.

BTH Heimtex: Haben Sie jemals in Erwägung gezogen, das Fachhandelssegment eventuell einzustellen, zumal der Anteil am Gesamtumsatz mit rund 20 % doch vergleichsweise niedrig ist?

Heidemann: Es wäre aus meiner Sicht unverantwortlich, wenn wir die Fachhandelssparte nicht weitergeführt hätten, weil sich daraus Kompetenz ergibt, auch für die Sortimentsentwicklung, die wir im gesamten Unternehmensbereich nutzen können. Wenn wir uns nur noch auf 08/15-Produkte aus dem DIY-Markt stürzen würden, die heute jeder aus China importieren kann, würde das eine Schwächung unserer ganzen Firmengruppe bedeuten.

Fakt ist doch, dass man mit einem Angebot, das nur aus namenloser SB-Ware besteht, schnell austauschbar wird. Die Endverbraucher sind bereit, für einen Markenartikel etwas tiefer in die Tasche zu greifen, allerdings muss die Relation von Qualität und Preis stimmen. Sonnenschutz- und Dekotechnik-Produkte sind nur bedingt konsumig und werden nicht auf Vorrat gekauft, sondern erst angeschafft, wenn Bedarf besteht. Hat der Endkunde eine neue Vorhangstange montiert, dann ist das Fenster mindestens fünf Jahre lang besetzt, egal ob es sich dabei um ein Markenprodukt oder Schnäppchen-Ware handelt. Wir haben festgestellt, dass wir mit Sonderaktionen keinen Mehrumsatz machen, weil dann eben die Normalware nicht läuft.

BTH Heimtex: Mit welchen Produkten sind Sie denn besonders erfolgreich im Fachhandel?

Heidemann: Unser Aluminiumschienen-Programm läuft sehr gut. Hier bieten wir weltweit die besten Sortimente. Gute Verkaufszahlen verzeichnen wir bei der Plissee-Kollektion, den Flächen- und Raffvorhang-Techniken. Auch mit dem Absatz von Rollos und Vertikallamellen sind wir zufrieden. Wir sehen uns vor allem als technischer Lieferant und wollen uns nicht zu sehr auf den textilen Bereich konzentrieren. Die Zyklen der Stoffmoden werden immer schneller und es besteht die Gefahr, Restanten zu produzieren.

BTH Heimtex: Gibt es Überlegungen, das Angebot um Außensonnenschutz-Systeme zu ergänzen, wie mancher Wettbewerber dies durch Unternehmenszukäufe getan hat?

Heidemann: Im Moment ist nicht geplant, in das Außensonnenschutz-Geschäft einzusteigen. Es kann sein, dass bis 2010 eine Entscheidung fällt und wir eine Firmenübernahme ins Auge fassen. Interessant ist allerdings, dass zwar verschiedene Markisenfirmen zum Kauf angeboten werden, sich aber kein Unternehmen findet, das derzeit dort einsteigen möchte, weil sich der Markt wenig profitabel darstellt.

BTH Heimtex: Werden Sie die beiden Unternehmens-Standorte in Bünde und Isny aufrechterhalten?

Heidemann: Beide Standorte stehen nicht zur Disposition. Der Vertriebs- und Marketingbereich ist verkehrstechnisch günstig in Bünde angesiedelt. Die Jalousien, die bislang in Bünde auf Maß konfektioniert wurden, kaufen wir jetzt in Tschechien zu, bei einer Hunter Douglas-Gesellschaft in Kadan. Der Logistik-Stützpunkt Isny soll ebenfalls erhalten bleiben, weil dort das Zentrallager angesiedelt ist, die Fertigung und die Finanzverwaltung. Ich sehe keinen berechtigten Anlass, den Standort im Allgäu zu ändern. Das separate Alugard-Gebäude sowie die Rollo-Maßkonfektion in Meierhöfen wird im Laufe des Jahres geschlossen und alles auf dem 50.000 qm großen Firmengelände in Isny konzentriert. Wir wollen eine Top-Fertigung etablieren und auch die Abläufe hochprofessionell gestalten.


Gardinia Home Décor: Zahlen, Daten, Fakten

Mit der etablierten DIY-Marke Gardinia und der Fachhandelssparte Alugard setzte Gardinia Home Decor in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahr 2007 rund 100 Mio. EUR um. Diese Umsatzangabe wurde bereinigt um die Sockkelleisten-Sparte, die im Juni 2007 an Dölken verkauft wurde. Die Zahlen für Osteuropa möchte das Unternehmen "nicht preisgeben". In Deutschland beschäftigt die Gardinia-Gruppe rund 500 Mitarbeiter, im Ausland zählt die Belegschaft ebenfalls 500 Beschäftigte, jeweils umgerechnet auf Vollzeitkräfte.

Sonnenschutz- und Dekotechnik-Produkte der Fachhandelsmarke Alugard werden über den Fachhandel vertrieben, wie Raumausstatter, Objekteure, Einrichtungshäuser und gehobene Fachmärkte. Neben 15 Außendienstmitarbeitern, die "nur für Alugard tätig sind", führen auch diverse Großhändler das gehobene Maßprogramm.

Das Bau- und Heimwerkerprogramm der DIY-Marke Gardinia besteht aus einem SB- und Maß-Sortiment, das Sonnenschutz und Dekotechnik umfasst.

Der Geschäftsführende Gesellschafter Reinhard Heidemann hat auch schon die Nachfolge geregelt: Zum 1. Januar 2008 ist sein Sohn bei Gardinia eingestiegen. Der Diplom-Kaufmann verantwortet derzeit die Marketing- und Vertriebskooperation von Gardina Home Decor Osteueropa.


Firmenchronik

1950 Gründung der Gardinia Vorhangschienenfabrik in Isny durch Adolf Wälder
1972 Start von Gardinia-SB für den DIY-Bereich
1982 Gründung Produktsparte Alugard mit einem Maßprogramm für den Fachhandel
1991 Eröffnung der ersten Verkaufsgesellschaften in Osteuropa und kontinuierlicher Ausbau der Präsenz in osteuropäischen Ländern.
1998 Übernahme der Gardinia-Gruppe durch die US-amerikanische Newell Rubbermaid Coorporation
2006 Management Buy Out der Gardinia Home Decor Gruppe durch den langjährigen Geschäftsführer Reinhard Heidemann (51%) und den niederländischen Hunter Douglas Konzern (49%).
aus BTH Heimtex 07/08 (Wirtschaft)