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Interview mit Johannes Schulte

"Schritt über die eigenen Grenzen trägt Früchte"


BTH Heimtex: 2004 war ein Schicksalsjahr für Vorwerk. Nicht nur, dass das Marktumfeld extrem schwierig war, dazu kamen Managementfehler und unklare Strategien, die das Unternehmen an den Rand des Abgrunds trieben...

Johannes Schulte: Leider. Zu diesem Zeitpunkt standen die Vorwerk Teppichwerke dichter am Aus, als alle es wahr haben wollten. Abwickeln - oder entwickeln? Die Antwort auf diese Frage war nicht nur von kaufmännischer, sondern auch von historischer Bedeutung. Denn die Teppichwerke sind die Wurzel, aus dem sich das heutige global agierende Unternehmen Vorwerk entwickelt hat.

Dieses Bewusstsein und die Verantwortung für die Mitarbeiter führten schließlich zu einer Entscheidung, die so nur in einem Familienunternehmen denkbar ist. Denn nur hier ist die Erkenntnis, dass in Krisensituationen allein die unternehmerische Kraft entscheidet, eine durch viele Generationen gelebte Erfahrung.

Und so lautete die Aufforderung des Familienunternehmers Dr. Jörg Mittelsten Scheid an die Geschäftsleitung: Handeln Sie wie ein Unternehmer. Tun Sie, was Sie für richtig halten. Wir geben ihnen die notwendigen Freiheiten.

BTH Heimtex: Und Sie haben diese Herausforderung angenommen?

Schulte: Ja, denn ich hatte viele Ideen und wollte diese auch realisieren. "Aufbruch und Anpacken" - das war die dringende Aufforderung. Die ersten Schritte waren für alle schmerzlich, aber nötig. Immerhin mussten wir 25 % der Belegschaft reduzieren. Aber Raum für Kompromisse gab es nicht mehr. Im Grunde kam alles auf den Prüfstand, zuerst die Prozesse, dann die Produkte.

BTH Heimtex: Welches war damals Ihre wichtigste Entscheidung?

Schulte: Eine der wichtigsten Entscheidungen aus dieser Zeit war die konsequente Hinwendung zu höchster Design-Qualität. Upgrading war gefordert und die Überzeugung, nur mit besonders wertigen Produkten nachhaltig voran zu kommen. Eine tiefgreifende Analysse führte zu der Erkenntnis, dass unsere Produkte zwar solide waren - solide in diesem Zusammenhang reichte in einem modisch geprägtem Markt nicht. Aktualität oder gar Modernität, Eigenständigkeit, Überraschungseffekt waren gefordert. Dieses Eingeständnis fiel nicht leicht. Es bedeutete den Abschied von Gewohnheiten, lange trainierten Denk-Mechanismen und von Erkenntnissen über Zielgruppen und Märkte, die bis dahin als gesichert galten.

Nachdem die schwere Aufgabe gelungen ist, unsere aktuellen Neuentwicklungen im hochwertigen Bereich zu etablieren und erste Schritte ins Luxussegment gewagt sind, eröffnen sich für uns ganz neue Märkte.

BTH Heimtex: Welche?

Schulte: Unser Nahziel ist Europa, langfristig auch darüber hinaus. Das Auslandsgeschäft gewinnt für Vorwerk immer größere Bedeutung. Auf diesen Märkten sind wir aber nur mit Produkten erfolgreich, die in der Gestaltung internationalen Maßstäben standhalten.

Und "neue Märkte" bedeuten auch neue Zielsegmente. Hier investiert Vorwerk seit langem wieder sehr viel Geld und Schaffenskraft, um im traditionellen Objektgeschäft zum Beispiel eine eigene Fliesenkollektion wettbewerbsfähig zu vermarkten. Des Weiteren ist das hochwertige und anspruchsvolle Fünfsterne-Hotelgeschäft bei uns im Fokus.

Grundsätzlich bestimmen wir die Grenzen unseres Handelns selbst. Und wir müssen immer wieder den Mut aufbringen, diese Grenzen zu überschreiten. Wir sind erst am Anfang. Und auch die Frage nach neuen Produktfeldern, neuen Technologien steht im Raum. Der Schritt über die eigenen Grenzen... Die Entscheidung vor drei Jahren war ein solcher Schritt - und er trägt Früchte. Die Vorwerk Teppichwerke erwirtschaften nachhaltig Gewinn, die Investitionen in neue Fertigungstechniken, neue Designs und neue Produkte liegen im zweistelligen Millionenbereich. Dies ist ein eindeutiges Statement zur Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.
aus BTH Heimtex 07/08 (Wirtschaft)